EU bezwingt SAP: So legen CIOs ihre teuren Support-Fesseln ab
Auch für Michael Bloch, Fachvorstand Lizenzen, Vertragswesen & Support bei der DSAG, kam zumindest der Zeitpunkt der Zugeständnisse von SAP überraschend.DSAG
Dammbruch in Walldorf: Um einer Wettbewerbsklage der EU-Kommission zu entgehen, macht die SAP weltweit zahlreiche Zugeständnisse, was Wartungs- und Support-Leistungen für On-Premises-Versionen ihrer ERP-Lösung angeht.
Die Kommission leitete ihre Untersuchung im September 2025 ein. Sie befürchtete, dass SAP seine Kunden dazu verpflichtet, Wartungs- und Supportleistungen länger und für mehr Lizenzen zu beziehen, als sie tatsächlich benötigen. Mit der Annahme der Verpflichtungszusagen macht die Europäische Kommission diese für SAP rechtsverbindlich. Sollte das Unternehmen seine Zusagen in den kommenden zehn Jahren nicht einhalten, drohen Geldbußen.
Zusammengefasst verpflichtet sich der Softwareanbieter für die nächsten zehn Jahre zu folgenden Maßnahmen:
Mehr Wahlfreiheit beim Support: Kunden können ihre SAP-Landschaft in Teilbereiche aufteilen und für jeden Bereich unterschiedliche Support- und Wartungsanbieter wählen.
Einfachere Lizenzkündigungen: Wartungs- und Support-Verträge können in bestimmten Fällen gekündigt werden – etwa bei auslaufenden Produkten, gescheiterten SAP-Projekten, Insolvenz, Personalabbau oder dem Verkauf von Unternehmensteilen.
Flexiblere Lizenzmodelle: SAP erweitert den Zugang zu sogenannten Single-Metric-Verträgen als alternative Grundlage für Lizenz- und Wartungsgebühren.
Lockerung vertraglicher Bindungen: Der Kauf neuer Lizenzen verlängert künftig nicht mehr automatisch die Mindestlaufzeit bestehender Supportverträge.
Erleichterter Wiedereinstieg: Kunden, die nach einer Unterbrechung wieder SAP-Support beziehen, müssen keine Wiederaufnahmegebühren mehr zahlen; auch Nachzahlungen werden reduziert.
Außerdem richtet SAP eine interne Clearing-Stelle ein, an die sich Kunden wenden können, wenn sie Verstöße gegen die zugesagten Verpflichtungen vermuten.
Selbst wenn die SAP die Entscheidung der EU-Kommission in einer Stellungnahme begrüßt, wirklich glücklich sind die Walldorfer mit ihren Zugeständnissen wohl sicher nicht.
Mehr Freiheiten beim SAP-Support
Was bedeutet das für SAP-Anwender, Drittanbieter und die Cloud-Strategie des Walldorfer Softwarekonzerns? Michael Bloch, Fachvorstand Lizenzen, Vertragswesen & Support bei der DSAG, gibt im CW-Gespräch Auskunft.
Herr Bloch, wie bewerten Sie die Entscheidung der EU-Kommission grundsätzlich?
Michael Bloch: Grundsätzlich finden wir die Entscheidung erstmal gut. Davon profitieren viele SAP-Kunden, insbesondere diejenigen, die ihre ERP-Systeme weiterhin On-Premises betreiben. Unsere Investitionsumfrage zeigt, dass sich nach wie vor zahlreiche Unternehmen noch nicht auf den Weg in die SAP-Cloud gemacht haben. Sie erhalten nun deutlich mehr Entscheidungsfreiheit bei der Frage, wie sie den Support für ihre bestehende Software organisieren möchten.
Wer profitiert auf Anbieterseite? Eröffnet die Entscheidung Drittanbietern wie Rimini Street neue Chancen? Kann der potenzielle Bedarf überhaupt gedeckt werden?
Bloch: Das wird spannend zu beobachten sein. Momentan ist das Thema Drittwartung zumindest im deutschsprachigen Raum ein totales Nischengeschäft. In den USA ist die Akzeptanz deutlich höher, hierzulande stehen viele Unternehmen dem Modell eher skeptisch gegenüber. Die EU-Entscheidung könnte diesem Markt nun neuen Schub verleihen. Kunden, die der aktuellen SAP-Strategie nicht folgen möchten, können künftig auf ihrer bestehenden Landschaft bleiben und den Support von einem anderen Anbieter beziehen. Das eröffnet durchaus Raum für neue Geschäftsmodelle.
Torpediert diese Entscheidung die Cloud-Strategie von SAP?
Bloch: Für die Kunden wird die Entscheidung jetzt tatsächlich zu einer Grundsatzfrage: Folge ich der strategischen Ausrichtung von SAP oder gehe ich bewusst einen anderen Weg? Wer nicht davon überzeugt ist, dass die Cloud-Strategie für das eigene Unternehmen die richtige ist, kann sich nun leichter dafür entscheiden, auf der bestehenden ERP-Landschaft zu bleiben und beispielsweise einen anderen Support-Anbieter zu nutzen.
Man muss sich allerdings über die Konsequenzen im Klaren sein. Wer auf der bisherigen Systemlandschaft bleibt – selbst mit einem alternativen Wartungsanbieter –, verzichtet auf die Innovationen, die SAP derzeit rund um das Autonomous Enterprise entwickelt. Einen Mittelweg gibt es an dieser Stelle nicht. Viele dieser Funktionen müssten Unternehmen selbst entwickeln oder mit erheblichem Aufwand nachbauen.
Ist das dann zwangsläufig eine Entweder-oder-Entscheidung?
Bloch: Nein, genau das ist der entscheidende Punkt. Viele Unternehmen haben ihre ERP-Systeme über Jahre oder Jahrzehnte stark an ihre branchenspezifischen Prozesse angepasst – manche Kunden sprechen sogar von “veredelten” Systemen. Diese Investitionen muss man jetzt nicht einfach abschreiben.
Stattdessen können Unternehmen ihre bewährten Kernsysteme weiterbetreiben und gleichzeitig gezielt Cloud-Komponenten ergänzen, etwa ein SAP Cloud ERP für die Finanzprozesse. So lassen sich bestehende Investitionen erhalten und gleichzeitig neue Innovationen nutzen. Die EU-Entscheidung eröffnet also zusätzliche Handlungsoptionen, macht die strategische Entscheidung für CIOs aber auch anspruchsvoller. Sie müssen jetzt noch genauer festlegen, wie ihre Zielarchitektur für die kommenden fünf bis zehn Jahre aussehen soll.
2027 – Schicksalsjahr für den SAP-Support
Bedeutet das, dass IT-Entscheider nun auf eine ruhige Sommerpause verzichten müssen?
Bloch: Ich glaube nicht, dass der Druck dadurch grundsätzlich größer wird. Die Extended Maintenance läuft erst Ende 2027 an, sodass noch etwas Zeit bleibt. Aber die Unternehmen haben jetzt eine zusätzliche strategische Fragestellung zu beantworten. Das eigentliche Entscheidungsjahr dürfte 2027 werden. Dann müssen viele Unternehmen festlegen, mit welcher Systemlandschaft sie künftig arbeiten und wie ihre langfristige SAP-Strategie aussieht.
Selbst Unternehmen, die auf ihrer bestehenden ERP-Landschaft bleiben möchten, erhalten offiziellen Support nur noch bis 2030. Das verschafft zwar etwas Zeit, ist aber keineswegs ein langer Planungshorizont – insbesondere dann nicht, wenn alternative ERP-Strategien oder Nachfolgelösungen geprüft werden müssen.
Deshalb ist es aus meiner Sicht positiv, dass die Entscheidung jetzt gefallen ist. Sie schafft Klarheit und gibt Unternehmen die Möglichkeit, diese neuen Rahmenbedingungen frühzeitig in ihre strategischen Überlegungen einzubeziehen.
Die neuen Regelungen erlauben es Unternehmen auch, ungenutzte Lizenzen und die dafür anfallenden Wartungsgebühren einfacher loszuwerden. Wie groß könnte das Einsparpotenzial sein?
Bloch: Konkrete Zahlen haben wir dazu nicht. Da muss man sehr vorsichtig sein, denn das hängt stark vom Einzelfall ab. Entscheidend ist, ob ein Unternehmen den SAP-Support tatsächlich vollständig kündigt, zu einem Drittanbieter wechselt oder bestimmte Produkte schlicht nicht mehr benötigt. Schließlich muss ein System auch weiterhin betrieben werden.
Gibt es zumindest eine Größenordnung?
Bloch: Nein, belastbare empirische Daten haben wir nicht. Wenn Unternehmen Produkte im Einsatz haben, die sie gar nicht mehr nutzen, können sie deren Support künftig einfacher kündigen und dadurch natürlich Geld sparen. Wie hoch dieser sogenannte Shelfware-Anteil tatsächlich ist, wissen wir aber nicht.
Für Unternehmen, die bereits auf S/4HANA oder SAP Cloud ERP migriert sind, sollte dieses Thema ohnehin weitgehend erledigt sein. Relevant ist es vor allem für diejenigen, die den Wechsel noch vor sich haben. Sie können nun prüfen, welche ungenutzten Lizenzen und Wartungsverträge sie abbauen und ob das im Rahmen der SAP-Zugeständnisse möglich ist, da auch hier Regularien zu beachten sind. Wer heute noch erhebliche Supportgebühren für Produkte zahlt, die gar nicht mehr im Einsatz sind, kann dadurch durchaus signifikante Einsparungen erzielen.
Die Optionen nutzen
Verbessert die EU-Entscheidung die Verhandlungsposition der Unternehmen gegenüber SAP?
Bloch: Das lässt sich nicht pauschal sagen. Entscheidend ist, wie ein Unternehmen seine Optionen nutzt. Grundsätzlich erzielt man aus meiner Sicht die besten Ergebnisse, wenn man gemeinsam mit SAP einen Weg in die Zukunft findet.
Warum?
Bloch: Wer beispielsweise den SAP-Support vollständig kündigt und später einen neuen Cloud-Vertrag abschließt, muss damit rechnen, auf bestimmte Incentives von SAP verzichten zu müssen. Deshalb sollte jede Entscheidung unter Berücksichtigung aller Abhängigkeiten getroffen werden.
Hinzu kommt, dass nicht nur SAP Anreize für den Wechsel in die Cloud bietet. Auch die Hyperscaler haben ein großes Interesse daran, Unternehmen für ihre Plattformen zu gewinnen und stellen teilweise sehr attraktive Incentive-Programme bereit. Das macht die Ausgangslage von Unternehmen sehr unterschiedlich.
Werden die Entscheidungen für CIOs dadurch einfacher?
Bloch: Eher im Gegenteil. Die neue Situation erweitert zwar die Handlungsmöglichkeiten, macht die strategische Abwägung aber deutlich komplexer. CIOs müssen sich jetzt fragen: Welche bestehenden Systeme haben für unser Unternehmen weiterhin einen betriebswirtschaftlichen Mehrwert? Dazu kommen Fragen wie: Wo lohnt es sich, die vorhandene Landschaft beizubehalten? Und in welchen Bereichen profitieren wir tatsächlich von den Innovationen, die SAP künftig in der Cloud bereitstellt? Genau diese Balance zu finden, wird die eigentliche Herausforderung sein.
Also bedeutet die Entscheidung vor allem, dass Unternehmen mehr Zeit gewinnen – etwa um wirtschaftlich schwierige Phasen zu überbrücken oder einen Cloud-Wechsel besser vorzubereiten?
Bloch: Ja, insbesondere für Unternehmen, die bislang keinen überzeugenden Business Case für den Wechsel in die SAP-Cloud gefunden haben. Sie können ihre bestehende Landschaft zunächst weiterbetreiben und gleichzeitig prüfen, ob sich durch den Abbau ungenutzter Lizenzen und Wartungsverträge – also Shelfware – noch Einsparpotenziale realisieren lassen. Das kann im Einzelfall durchaus helfen und verschafft mehr Handlungsspielraum.
Die Komplexität wächst
Ist mit der EU-Entscheidung das größte Problem in der SAP-Lizenzpolitik gelöst oder bleiben weitere Baustellen?
Bloch: Ein wichtiges Thema bleibt die Extended Maintenance für Unternehmen, die noch nicht auf S/4HANA umgestiegen sind. Auch hierauf wirkt sich die EU-Entscheidung aus. Unternehmen haben jetzt deutlich mehr Möglichkeiten, ihre bestehende Systemlandschaft und den Support unterschiedlich zu organisieren. Sie müssen nicht mehr zwangsläufig den gesamten Softwarebestand einheitlich behandeln, sondern können je nach Situation differenzierte Entscheidungen treffen.
Damit wächst allerdings auch die Komplexität. Unternehmen haben heute einen ganzen Werkzeugkasten an Optionen und müssen sorgfältig abwägen, welche Kombination für ihre Strategie die richtige ist.
Worauf kommt es jetzt als Nächstes an?
Bloch: Entscheidend ist nun die praktische Umsetzung der zugesagten Maßnahmen. Gemeinsam mit SAP müssen wir klären, wie die neuen Regelungen im Detail ausgestaltet werden und wie Unternehmen sie tatsächlich nutzen können. Die Verpflichtungen werden zudem von einem unabhängigen Treuhänder überwacht. Ich hoffe deshalb, dass wir gemeinsam mit SAP zeitnah mehr Klarheit über die operative Umsetzung schaffen.
Sorgt die EU-Entscheidung jetzt für zusätzlichen Handlungsdruck?
Bloch: Ich glaube aber nicht, dass der Druck dadurch unmittelbar größer wird. Bis zum Beginn der Extended Maintenance Ende 2027 bleibt noch etwas Zeit. Allerdings haben Unternehmen jetzt eine zusätzliche strategische Aufgabe: Sie müssen bewerten, welche neuen Möglichkeiten sie nutzen wollen und wie diese in ihre SAP-Strategie passen.
Wann wird es ernst?
Bloch: Das entscheidende Jahr wird aus meiner Sicht 2027. Dann müssen viele Unternehmen festlegen, mit welcher Systemlandschaft sie in die Extended Maintenance gehen und wie ihre langfristige SAP-Strategie aussehen soll. Auch Unternehmen, die sich gegen einen Wechsel in die SAP-Cloud entscheiden, gewinnen durch die EU-Entscheidung zwar etwas Zeit – der offizielle Support für ihre bestehenden Systeme endet aber spätestens 2030. Gerade wenn parallel auch alternative ERP-Lösungen bewertet werden, ist das kein besonders langer Planungshorizont.
Ihr Fazit?
Bloch: Insgesamt ist es positiv, dass die Entscheidung jetzt gefallen ist. Es wäre für die Unternehmen deutlich schwieriger gewesen, wenn bis Anfang 2027 weiter Unklarheit geherrscht hätte. Jetzt liegen die Rahmenbedingungen auf dem Tisch, und Unternehmen können sie frühzeitig in ihre strategischen Entscheidungen einbeziehen.
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