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SAP S/4HANA-Transformation zwischen Aufbruch und Realität

Ob hybrides Betriebsmodell oder Kostenfrage, am Ende entscheidet über den Projekterfolg nicht allein die Technologie.hasan as’ari – shutterstock.com



SAP-Anwenderunternehmen stehen unter Druck, auf SAP S/4HANA zu wechseln, weil die Mainstream-Wartung für SAP ERP (SAP ECC 6.0) Ende 2027 ausläuft und die bis Ende 2030 geltende erweiterte Wartung kostenpflichtig ist.



Zwar stellt SAP mit der „SAP ERP, Private Edition, Transition Option“ eine weitere Wartungsverlängerung bis 2033 in Aussicht. Da diese einer Neuimplementierung gleichkommt, bleibt SAP-Kunden mehr Zeit für die Planung, die Analyse und das Changemanagement. Der Nachteil: Wer diese Option nutzt, läuft Gefahr, technologisch ins Hintertreffen zu geraten, da Innovationen nahezu ausschließlich für SAP S/4HANA bereitgestellt werden.



Zögerliche SAP-S/4HANA-Transformation trotz Wartungsdruck



Obwohl der Druck hoch ist, hat eine große Zahl der SAP-Bestandskunden die Transformation auf die seit 2015 verfügbare ERP-Suite offenbar noch nicht vollzogen. Eine COMPUTERWOCHE-Expertenrunde zeigte, wo die größten Hürden liegen und was erfolgreiche Projekte auszeichnet.



Warum etliche Unternehmen die Transformation vor dem regulären Wartungsende scheuen und stattdessen zwei Prozent Mehrkosten für die erweiterte Wartung einkalkulieren, brachte ein Teilnehmender auf den Punkt: Firmen haben über Jahrzehnte in ihre SAP-ERP-Lösung investiert und sie an individuelle Prozessanforderungen angepasst, damit die Abläufe entlang der Supply Chain reibungslos laufen. Er habe daher in den vergangenen zehn Jahren keinen Kunden erlebt, der freiwillig umsteigen wollte. Alle hätten gesagt, dass sie müssen.



Nach Erfahrungswerten eines weiteren Experten nutzen erst rund 20 Prozent der SAP-Kunden SAP S/4HANA als Kernapplikation produktiv, unter anderem, weil entsprechende Transformationsprojekte auf sieben bis neun Jahre angelegt sind.



Altlasten bremsen die SAP-S/4HANA-Transformation



Unternehmen, die sich für den Wechsel entscheiden, verzichten häufig auf jede Modernisierung. Sie vollziehen einen Eins-zu-eins-Umstieg ohne Code-Modifikation, sei es in Form einer System Conversion (Brownfield-Ansatz) oder per Lift and Shift in SAP Cloud ERP Private (früher: SAP S/4HANA Cloud Private Edition). Dabei ist eine große Zahl von SAP-ERP-Installationen gar nicht zukunftsfähig, weil sie auf Prozessen aus den 1990er Jahren basieren und im Lauf der Jahre durch zahlreiche Eigenentwicklungen erweitert wurden.



Nicht selten gibt es bis zu mehrere tausend kundeneigene Programme im Z/Y-Namensraum, die zum Teil nicht mehr genutzt werden und das System unnötig belasten. Die Experten waren sich einig, dass eine solche rein technische Migration, bei der Altlasten wie ABAP-Eigenentwicklungen mitgeschleppt werden, keinen Mehrwert für das Unternehmen bringt.



Es muss geprüft werden, welche Eigenentwicklungen beibehalten werden, weil sie wettbewerbsdifferenzierend und damit geschäftskritisch sind, und welche gelöscht werden müssen, weil sie nicht genutzt werden oder weil es dafür inzwischen SAP-Standardfunktionen gibt. Handlungsbedarf besteht auch bei einer dreistelligen Anzahl von Buchungskreisen, von denen niemand weiß, welche noch benötigt werden, oder bei zahlreichen Dubletten in den Kreditoren- und Debitorenstammdaten.



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Migrations-Tools und KI-Agenten beschleunigen den Umstieg



Um diesen Prüf- und Bereinigungsaufwand zu bewältigen, bietet SAP mehrere Tools, um die Transformation auf SAP S/4HANA zu vereinfachen: darunter SAP Activate, SAP Cloud ALM, Migration Cockpit, Readiness Check, Custom-Code-Check oder Modifikationsabgleich. Ergänzt werden sie durch Lösungen wie Signavio für die Prozessanalyse. Die Experten schätzen den Effizienzgewinn durch solche Migrationswerkzeuge auf 30 bis 50 Prozent.



Zusätzliche Produktivität versprechen KI-Agenten, die Altsysteme automatisiert analysieren, Code bereinigen und Datenflüsse transformieren. Das reduziert den Migrationsaufwand und beschleunigt den Umstieg.



Scope-Management als Schlüssel für den Projekterfolg



Einig waren sich die Teilnehmenden, dass SAP-S/4HANA-Transformationsprojekte in der Regel nicht an der Technologie scheitern, sondern an einer mangelhaften Scope-Definition und am unzureichenden Changemanagement.



Ein Scope-Management vor dem Projektstart, das berücksichtigt, wie viel Veränderung der IT-Organisation und den Fachbereichen zugemutet werden kann, sei essenziell für den Erfolg, sagte einer der Teilnehmenden. Es erfordert die Fähigkeit zu priorisieren und ein iteratives Vorgehen, bei dem zunächst geschäftskritische Must-haves und Quick Wins umgesetzt werden. Weniger wichtige Nice-to-haves folgen später. Wer dagegen in der Konzeptionsphase bereits den großen Wurf anstrebt, wird voraussichtlich scheitern. Als Beispiel wurde der direkte Umstieg auf ein SAP-S/4HANA-Kernsystem genannt, das nach dem Clean-Core-Ansatz von nicht mehr lauffähigen Programmen und obsoleten Erweiterungen bereinigt ist.



Genauso wichtig ist ein Change-Management, das Mitarbeitende von Beginn an einbezieht, die nötige Akzeptanz schafft und vom Top-Management aktiv unterstützt wird, sowie eine verbindliche Governance mit klaren Zielvorgaben. Unverzichtbar ist auch die Einbindung der Fachbereiche. Sie stellt die größte Herausforderung dar, da Unternehmen befürchten, dass durch die SAP-S/4HANA-Transformation zu viele personelle Ressourcen gebunden werden, die dann für Kernaufgaben fehlen. Kommt es vor, dass IT und Fachbereiche als Antipoden agieren, sollte ein Change-Coach als Vermittler eingesetzt werden.



Hybride Betriebsmodelle setzen sich langfristig durch



Bereits vor dem Projektstart muss abschließend geklärt sein, welches Betriebsmodell für SAP S/4HANA am besten zu einem Unternehmen und seinen Zielen passt, auch mit Blick auf regulatorische Anforderungen. Das ist häufig nicht der Fall, sodass das Projektteam unnötig Zeit damit verbringt, das passende Betriebsmodell zu ermitteln. Das bremst Transformationsvorhaben aus.



Nach Ansicht eines Teilnehmenden wird sich langfristig ein hybrides Betriebsmodell durchsetzen, bei dem der SAP-Kunde entscheidet, welche Elemente der SAP-S/4HANA-Landschaft in einer Hyperscaler-Cloud, einer souveränen Cloud und/oder On-Premises laufen. Eine weitere, weitgehend unbekannte Möglichkeit ist der Betrieb im Rahmen der Customer-Data-Center-Option (CDC) von SAP Cloud ERP Private (früher: SAP S/4HANA Cloud Private Edition), die aus Gründen wie Datenschutz, Leistung und Souveränität eine interessante Alternative sein kann.



Mehrere Experten stellen darüber hinaus fest, dass die vollwertige SaaS-Lösung SAP Cloud ERP Public (früher: SAP S/4HANA Cloud Public Edition) inzwischen verstärkt eingesetzt wird. Sie stellt vorkonfigurierte Kern-ERP-Funktionen (Best Practices) bereit und lässt sich relativ schnell einführen, ermöglicht aber kaum individuelle Anpassungen. Diese Abstriche nehmen Unternehmen in Kauf, um von regelmäßigen, automatischen Upgrades und technologischen Innovationen zu profitieren.



Kritisiert wurde allerdings, dass die Cloud-Diskussion häufig unter begrifflichen Unschärfen leidet. So macht der Betrieb von SAP S/4HANA in einer Hyperscaler- oder SAP-Cloud die Lösung noch lange nicht zum Software-as-a-Service-Angebot. Solche Ungenauigkeiten irritierten SAP-Kunden und bremsten die Entscheidungsfindung. Letztlich sind beim Cloud-Betrieb auch die Kosten entscheidend. Zwar wollen viele Unternehmen anfangs maximale Sicherheit mit Private Network und Confidential Computing, wählen dann aber günstigere Commercial-Cloud-Angebote. Ausnahmen bilden regulierte Branchen und der öffentliche Sektor.



Ob hybrides Betriebsmodell oder Kostenfrage, am Ende entscheidet über den Projekterfolg nicht allein die Technologie, sondern auch, wie diszipliniert Scope und Wandel im Unternehmen gesteuert werden.



Teilnehmer der Round-Table “SAP S4HANA 2027”


Albrecht Munz, HPE:  „Die SAP-S/4HANA-Migration ist primär ein erster technischer Pflichtlauf, der die IT seitige Grundlage für die digitale Transformation schaffen kann. Dass viele Unternehmen hier stagnieren, liegt auch am in diesem Zusammenhang häufig anzutreffenden Cloud-Washing: Das Hosting eines ERP-Systems in der Cloud liefert noch lange nicht die Innovations- und Business-Effekte einer wirklich Cloud-nativen SaaS-Architektur.“Harald Becker / Hewlett-Packard GmbH


Anke Frier, Lufthansa Industry Solutions:
„Unternehmen, die sich für eine technische SAP-S/4HANA-Transformation entschieden haben, dürfen diese nicht mit dem Go-Live als abgeschlossen betrachten. Der langfristige Erfolg hängt davon ab, wie konsequent danach die neuen technologischen Möglichkeiten genutzt werden, um Prozesse umzugestalten, zu digitalisieren und durch KI-Einsatz zu unterstützen. Erst dadurch entsteht ein messbarer Business Value.“Sonja Brüggemann / Lufthansa Industry Solutions GmbH & Co. KG


Peter Büermann, Microsoft:
„Der optimale Zeitpunkt für den Umstieg auf SAP S/4HANA ist jetzt. Die Reife der Migrationswerkzeuge, standardisierte Vorgehensmodelle und die umfangreiche Projekterfahrung der SAP-Partnerlandschaft reduzieren das Risiko deutlich. Damit sind die wesentlichen Hürden vergangener Jahre weitgehend beseitigt und Unternehmen profitieren von einer schnelleren Implementierung, geringeren Kosten und einer höherer Projektqualität.“
Microsoft Deutschland GmbH


Roland Storbeck, Natuvion:
„Wirklich erfolgreich sind die SAP-S/4HANA-Migrationen, deren Scope noch vor dem Projektstart klar definiert und gemanagt wird. Wer zu Beginn zu hohe Ansprüche hat und jeden Prozess umdrehen will, dessen Vorhaben scheitert häufig schon in der Konzeptionsphase. Zudem muss jedes Unternehmen die Frage beantworten, wie viel Change seine IT- und Business-Organisation überhaupt verträgt. Neben einem klaren Scope ist dringend zu empfehlen, den eigenen Datenbestand vor Projektstart zu analysieren und aufzuräumen.“
VOGUS – Wolfgang Voglhuber / Natuvion GmbH


Matthias Draschner, smartShift:
„Für viele Unternehmen ist SAP in erster Linie eine über Jahre oder sogar Jahrzehnte gewachsene IT-Landschaft, die geschäftskritische Prozesse unterstützt und absichert. Entsprechend besteht die berechtigte Erwartung, dass diese Prozesse auch nach der Migration auf SAP S/4HANA zuverlässig und möglichst unverändert weiterlaufen. Gleichzeitig bietet die SAP-S/4HANA-Transformation die Chance, Custom Code entweder zu modernisieren und auf die Anforderungen einer Cloud-fähigen Architektur auszurichten oder zu entfernen, sofern er nicht mehr benötigt wird. Spezielle Analyse- und Automatisierungstools unterstützen diesen Prozess.“
smartShift Technologies GmbH


Andreas Bügers, Syskoplan Reply:
„Bei SAP Cloud ERP Private erwarten Unternehmen, dass nach dem Umstieg alles so funktioniert wie vorher unter SAP ERP. Bei SAP Cloud ERP Public akzeptieren Unternehmen dagegen Abstriche beim Funktionsumfang, weil sie die technologische Modernisierung deutlicher wahrnehmen als in der Private Cloud oder on-premises. Zudem laufen sie nicht in die Falle, jede Eigenentwicklung mitziehen zu wollen. Ohne diese Abkehr von herkömmlichen Denkmustern bleibt der Clean-Core-Ansatz Theorie.“
Syskoplan Reply GmbH