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Was tun, wenn SAPs S/4HANA-Roadmap nicht passt?

loading="lazy" width="400px">Die ERP-Modernisierung ist mehr als ein Technologie-Upgrade – sie ist eine strategische organisatorische Entscheidung, zu der es aber Alternativen gibt.Take Photo – shutterstock.com



Die Nachricht, dass Kingfisher eine Migration zu SAP S/4HANA abgelehnt hat, verbreitete sich Ende 2025 wie ein Lauffeuer im Internet. Der Einzelhandelsriese verlagerte stattdessen sein zentrales ECC-System mit Unterstützung von Rimini Street in die Google Cloud und ergänzte es um KI-, Personalisierungs- und Empfehlungssysteme – mit ersten positiven Ergebnissen.



„Das ist ein perfektes Beispiel dafür, die Kosten und Risiken einer SAP-Strategie kritisch zu bewerten“, erklärt John Burns, Senior Director Financial Systems bei Summit BHC. „Irgendwann müssen sie sich dennoch entscheiden, aber sie haben sich zu einem Bruchteil der Kosten etwas Luft verschafft.“



Ende des Mainstream-Supports forciert Entscheidungen



Die von SAP für 2027 angesetzte Frist für das Ende des Mainstream-Supports für ECC sorgt bei CIOs für Unsicherheit, während sie abwägen, ob sie den Schritt zu S/4 HANA über Rise, das Cloud-basierte ERP-Abonnementpaket von SAP, gehen sollen.



Zwar locken Vorteile wie KI-Automatisierung, verbesserte Skalierbarkeit und zukünftige Innovationen. Unsicherheiten über die Kosten, der Verlust von Anpassungsmöglichkeiten und andere Veränderungen erschweren jedoch für manche den Business Case.



„CIOs sollten die Roadmap von SAP genauso bewerten wie jede andere geschäftliche Entscheidung“, erklärt Burns. „Der Übergang von ECC zu S/4 HANA ist im Grunde eine vollständige Neuimplementierung, was kostspielig und mit erheblichen Störungen verbunden sein kann.“



Mit dem Aufkommen von Agentic AI und steigenden Anforderungen an die Flexibilität ist ein vollständiges ERP-Upgrade dabei nicht mehr die einzige Option.



„Die Ära eines einzigen monolithischen ERP-Systems, das versucht, alle Funktionen zu verwalten, geht zu Ende“, postuliert Amit Basu, CIO und CISO bei International Seaways. Stattdessen setzen sich agile, modulare Plattformen durch, die besser widerspiegeln, wie Unternehmen in einer zunehmend dynamischen Welt arbeiten.“



Jetzt könnte der richtige Zeitpunkt sein, zu überprüfen, ob eine verpflichtende Migration zur eigenen langfristigen Architektur passt und ob Cloud-Native- oder Composable-Alternativen mehr Agilität bieten, so Basu. „CIOs sollten Flexibilität, langfristige Kostentransparenz und die Übereinstimmung mit ihrer digitalen Strategie bewerten.“



Die sich wandelnde Dynamik der ERP-Modernisierung



Aufgrund umfangreicher Anpassungen, erheblicher Migrationskosten und des organisatorischen Aufwands für die Neugestaltung von Prozessen ist die SAP-Modernisierung oft komplex.



„Diese Herausforderungen führen dazu, dass Unternehmen häufig eine schrittweise Modernisierung, hybride Modelle oder gezielte Erweiterungen in Betracht ziehen, anstatt eine einzige, groß angelegte Umstellung“, so Basu.



Der CIO und sein Team führten bereits 2018 die ERP-Cloud von Oracle ein. Heute liegt der Fokus darauf, den Wert des modernen Kernsystems zu maximieren, indem Prozesse verbessert, Daten gestärkt und neue Funktionen über APIs hinzugefügt werden.



„Der Trend geht dahin, einen starken Finanzkern beizubehalten und die Funktionen durch spezialisierte Module zu erweitern, anstatt sich auf ein einziges monolithisches System zu verlassen“, erklärt er.



Mit der zunehmenden Verbreitung von KI – insbesondere agentischer Workflows, Automatisierung und datengetriebener Entscheidungen – steigt allgemein der Bedarf nach mehr Agilität und Flexibilität in ERP-Plattformen. Monolithische Systeme und „Big-Bang“-Transformationen passen nicht mehr für alle Unternehmen.



„Wenn ECC stabil ist und das ‚Upgrade‘ keine wesentlichen Vorteile bietet, gibt es keinen Grund für einen Wechsel. Man fällt nicht zurück – man handelt pragmatisch“, betont Burns von Summit.



Sein Rat an CIOs: Genau zu prüfen, ob SAPs Pläne tatsächlich die eigenen Probleme lösen oder ob es sich eher um eine Vertriebsstrategie handelt. „Letztendlich sollte der Fokus darauf liegen, externem Druck zu widerstehen, willkürliche Fristen zu ignorieren und den Weg zu wählen, der dem eigenen Unternehmen wirklich nützt – nicht nur dem Anbieter.“, sagt er.



Burns hält es für eine pragmatische Entscheidung, aktuell auf eine umfassende SAP-Migration zu verzichten. „Alternativen zu SAP zu prüfen, sollte nicht als radikaler Schritt gesehen werden.“



Zumal die ERP-Modernisierung mehr ist als ein Technologie-Upgrade – sie ist eine strategische organisatorische Entscheidung, zu der es Alternativen gibt.



Den Kern beibehalten und an den Rändern innovieren



Eine Option besteht laut Experten darin, „an den Rändern zu innovieren“. Dabei bleibt SAP ECC als stabiler Kern bestehen, während andere Komponenten modernisiert werden. Dieser Ansatz ist vor allem für Unternehmen attraktiv, die Zeit und Budget für Innovationen nutzen wollen und sich gleichzeitig Spielraum für einen späteren Umstieg auf S/4HANA verschaffen möchten.



Burns empfiehlt, die zentralen ERP-Systeme „so standardnah wie möglich“ zu halten, um Anpassungen zu reduzieren, Upgrades zu vereinfachen und externe Systeme für KI und andere fortschrittliche Funktionen zu nutzen. „Man kann ERP-Daten beispielsweise über SQL nach BigQuery extrahieren. Darauf basierende KI-Agenten können auf diese Transaktionsdaten zugreifen und werden gewissermaßen zur Benutzeroberfläche des ERP-Systems“, erklärt er.



Der ERP-Experte betont jedoch, dass dazu die Grundlagen stimmen müssen – und dass dieser Ansatz keine Abkürzung zur Innovation darstellt:



„Wenn Ihre Daten chaotisch oder Ihre Prozesse inkonsistent sind, wird die Aufteilung der Ebenen das Problem nicht beheben. Der Core muss weiterhin sauber sein, und das Frontend weiterhin gut geregelt werden. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, funktioniert der Ansatz sehr gut.“



Diese „Phase Null“ sei die entscheidende Vorbereitungsphase, in der Menschen, Prozesse, Daten und Richtlinien standardisiert und vollständig aufeinander abgestimmt werden müssen, fügt er hinzu: „Diese Daten sind der Ausgangspunkt – sie müssen sauber, verlässlich und für alle vertrauenswürdig sein.“



Joe Locandro, Global CIO bei Rimini Street, sieht den von Softwareanbietern häufig gebrauchten Begriff „Legacy“ kritisch: Er werde oft genutzt, um Upgrades zu forcieren, aber neuer sei nicht immer besser. Langlebigkeit sei vielmehr ein Vorteil. „Systeme wie SAP sind robust und wertvoll, und Modernisierung bedeutet nicht immer, sie aufzugeben“, erklärt er.



Locandro spricht von einem Umdenken: CIOs sollten den Wert schrittweiser Anpassungen erkennen, flexibel bleiben und den Nutzen bestehender Systeme maximieren.



„Sie haben einen Vermögenswert, den Sie bis 2040 oder länger betreiben können. Wenn Sie jedoch unbefristete Lizenzen aufgeben, gibt es kein Zurück mehr. Nutzen Sie den Wert dieses Assets und bauen Sie außen herum.“



Locandro empfiehlt, „Backoffice“-Funktionen wie Finanzen und Personalwesen weiterhin On-Premises zu betreiben. E-Commerce oder andere Lastspitzen-Anwendungen eigneten sich hingegen gut für die Cloud, weil man flexibel skalieren und nur das nutzen könne, was man braucht.



Zudem lasse sich eine moderne Architektur über bestehende Systeme legen, erklärt er: „Unter der Oberfläche kann weiterhin Oracle, SAP oder ein anderes System laufen. Darüber setzen Sie neue Oberflächen und Workflows – etwa mit ServiceNow oder Microsoft. Das Ganze ist ‚headless‘. Innovation, Workflows und Oberflächen haben nichts mehr mit den alten SAP-Oberflächen zu tun.“



Seine Empfehlung: „Innovieren Sie auf dieser Ebene in dem Tempo und zu den Kosten, die Sie sich leisten können, und gehen Sie diesen Weg weiter, bis Sie nach und nach Teile der darunterliegenden Struktur ablösen, weil Sie bereits oben so viel Funktionalität aufgebaut haben.“



Der Weg zum Composable ERP



In den letzten 20 Jahren galt die Logik, dass Konsolidierung und Standardisierung in der IT die Kosten senken, doch das hat sich geändert, da Unternehmen nach größerer Flexibilität streben, um sich an veränderte Bedingungen und neue Technologien anzupassen.



Modular oder Composable ERP, ein Begriff, der erstmals von Gartner geprägt wurde, entkoppelt bestimmte Prozesse oder Dienste vom ERP-Kern. Dadurch können Unternehmen bei Bedarf Funktionen hinzufügen – innerhalb oder außerhalb des Anbieter-Ökosystems. Dieses Modell gewinnt an Bedeutung, da CIOs ihren Ansatz zur SAP-Modernisierung überdenken.



SAP selbst treibt Composability mit modularen Services wie SuccessFactors, Analytics und der Business Technology Platform voran. Gleichzeitig haben die SAP-Fristen und der KI-Boom das Interesse an einem echten Composable-Ansatz verstärkt, der Vendor Lock-in sowie die damit verbundenen Kosten und Einschränkungen vermeidet.



Eine aktuelle Umfrage von Rimini Street ergab, dass 83 Prozent der Befragten einen Mehrwert in Composable-Ansätzen für einen schnelleren Zugang zu neuen Technologien wie KI sehen, während 94 Prozent die Freiheit hervorheben, für jeden Geschäftsbedarf die passende Lösung wählen zu können.



„CIOs und das Management haben erkannt, dass man zwar die niedrigsten Betriebskosten erzielen kann, dabei aber Flexibilität, Geschwindigkeit und Innovationsfähigkeit einbüßt – und das wird in einer digitalisierten Welt immer wichtiger. Ich denke, dieser Wendepunkt hat sich in den letzten Jahren verschoben, insbesondere durch KI“, erklärt Locandro.



Basu stimmt zu, dass ein Composable-Ansatz die Anbieterabhängigkeit verringert und es ERP-Systemen ermöglicht, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln, anstatt disruptive Umstellungen zu durchlaufen. „Die Zukunft wird nicht von SAP oder einem einzelnen Anbieter bestimmt werden. Composable ERP stellt das neue Modell dar, bei dem ERP ein Ökosystem aus modularen, Cloud-basierten Anwendungen ist, die über APIs integriert werden“, so der Manager.



Er fügt hinzu: „Unternehmen behalten einen starken Finanz- und Datenkern, während Beschaffung, Planung, Analytik und Automatisierung die besten Kandidaten für modulare Erweiterungen sind. APIs ermöglichen es diesen Komponenten, nebeneinander zu existieren, ohne den Kern zu stören.“



Dies öffnet auch die Tür für Innovationen durch KI. Insbesondere Agentic AI beschleunigt den Wandel hin zu Composable ERP, da sie die Arbeit über mehrere Tools hinweg koordinieren kann, ohne dass ein einziger Anbieter für alles benötigt wird.



Burns schlägt vor, Prozesse wie Procure-to-Pay modularisiert und außerhalb des ERP-Systems auszuführen, wobei die erforderlichen Daten wieder zurückgeführt werden. Er selbst untersucht diesen Ansatz bereits in praktischen Anwendungen. „Ich arbeite daran, eine KI-gestützte Kreditorenverarbeitung zu entwickeln, die Rechnungen einliest, analysiert und anschließend ins ERP-System überführt – komplett außerhalb des ERP, aber mit Rückführung der Daten.“



Die Möglichkeit, Komponenten auszutauschen oder zu aktualisieren, erleichtert es zudem, neue und spezialisierte Micro-Lösungen einzusetzen. „Es gibt Startups, die hervorragende Produkte entwickeln – im Grunde Mini-Systeme, die Teile eines ERP-Systems wie Module, Submodule oder Nebenbücher ersetzen und das extrem gut machen, weil sie sich auf genau diesen Bereich konzentrieren“, so der ERP-Experte.



Cloud-native ERP-Optionen abwägen



Wollen CIOs einen Weg „weg“ von SAP einschlagen, müssen sie zunächst die Anforderungen ihres Unternehmens bewerten. Checklisten sollten Aspekte wie Skalierbarkeit, die Fähigkeit zur Unterstützung globaler Abläufe, Sicherheit, Datenarchitektur, Integrationsreife, Analysefähigkeiten und das Ökosystem berücksichtigen. Anschließend gilt es, alternative Wege zu bewerten – etwa andere ERP-Plattformen, Innovationen „an den Rändern“ oder eine Composable-Strategie.



Cloud-native Plattformen und branchenspezifische Lösungen haben laut Basu deutlich an Reife zugelegt. Dennoch seien Referenzprüfungen bei Unternehmen ähnlicher Größe erforderlich, um diese Reife zu validieren.



Burns stimmt zu und merkt an, dass Oracle eine der wenigen Alternativen auf Enterprise-Niveau sei. „Große globale Unternehmen könnten jedoch aufgrund der umfassenden Funktionsvielfalt, insbesondere in den Bereichen Fertigung und Logistik, Schwierigkeiten haben, SAP zu verlassen.“



CIOs könnten befürchten, dass Alternativen nicht in der Lage sind, den gesamten Arbeitsumfang zu bewältigen, und Experten wie Burns halten diese Skepsis für durchaus berechtigt. „Midmarket-Systeme sehen gut aus – bis man sie mit realen Transaktionsvolumina, komplexen Sonderfällen oder Multi-Entity-Anforderungen konfrontiert. Wenn sie daran scheitern, sind sie keine Option.“, erklärt er.



Anbieter müssten zudem reif genug sein, ein vollständiges Leistungsspektrum zu liefern. Wenn auf jede Frage nur „kommt bald“ folge, sei das ein Warnsignal.



„Einige dieser Plattformen sind gut, aber die Unternehmen dahinter arbeiten noch an Support-Modellen, Roadmaps und Skalierbarkeit“, ergänzt Burns.



CIOs sollten außerdem nicht nur auf die Anbieter selbst achten, sondern auch auf deren Implementierungspartner.



„Midmarket-ERP-Systeme verlassen sich oft auf kleine Implementierungspartner, die für komplexe Umgebungen nicht ausgelegt sind. Ein gutes Produkt mit schwachem Partnernetzwerk wird Ihnen Probleme bereiten“, warnt Burns.



Schließlich sollten CIOs genau beobachten, wie Anbieter auf kritische Nachfragen reagieren. „Fragen Sie nach Grenzen, Fehlern, problematischen Bereichen. Wenn Anbieter darauf defensiv reagieren oder ausweichend antworten, gehen Sie weiter. Gute Anbieter sind ehrlich in Bezug darauf, was sie noch nicht können“, so Burns. „CIOs sollten den Hype ignorieren und sich auf zwei Fragen konzentrieren: Kann diese Plattform heute mein Geschäft betreiben? Und wird dieser Anbieter in fünf Jahren noch existieren? Wenn beides mit Ja beantwortet wird, ist es ein Kandidat. Wenn nicht, spielt es keine Rolle, wie ‚cloud-native‘ er ist.“



Die zentrale Botschaft lautet: Weder die Langlebigkeit bestehender Systeme noch ein Aufschieben der Migration sind das Problem. Und KI ist heute mehr denn je kein Grund für eine vollständige Transformation, sondern ein Anlass, alternative Wege zu prüfen.



Egal, ob CIOs auf S/4HANA migrieren, ECC modernisieren oder einen anderen Weg wählen – die Entscheidung muss sich an den Anforderungen des eigenen Unternehmens orientieren. Entscheidend ist, welche Architektur die größte Flexibilität, Resilienz und Innovationsfähigkeit bietet. (mb)