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Souveränität hat viele Facetten

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Digitale Souveränität ist das Thema der Stunde – doch was genau damit gemeint ist, hängt davon ab, wen man fragt. hasan as’ari – shutterstock.com



Viele Unternehmen hierzulande schätzen ihre technologische Abhängigkeit als zu hoch ein und kämpfen gleichzeitig mit der Komplexität ihrer IT-Landschaften. In konkreten Zahlen ausgedrückt, heißt dies: Fast zwei Drittel der Unternehmen würden gerne bei Bedarf den Dienstleister wechseln, hadern aber mit dem Vendor Lock-in. Sie sehen keine Chance, aus vertraglichen Gründen die Zusammenarbeit mit einem Provider von heute auf morgen zu beenden. Knapp die Hälfte der Firmen verweist zudem auch die Unflexibilität der eigenen IT-Infrastruktur. Diese ermögliche es kaum, die IT mit Blick auf die eigene Enterprise Architektur sowie IT-Bezugsmodelle völlig neu aufzustellen.



Dies ist eines der zentralen Ergebnisse der aktuellen Studie „Digitale Souveränität“ des Custom Research Teams von CIO und COMPUTERWOCHE.



Im Zusammenhang mit der Komplexitätsfrage spielt vor allem auch der Faktor Zeit eine große Rolle. In allen Kerndisziplinen der IT-Managements wie Infrastruktur, Virtualisierung, ERP, CRM, Business Intelligence und Analytics sowie der Anwendung von Sprachmodellen im Bereich Künstlicher Intelligenz würde es den befragten Anwenderinnen und Anwendern zufolge tendenziell bis zu einem halben Jahr dauern, das „Pferd zu wechseln“. Vor diesen Risiken und den damit verbundenen finanziellen Aufwänden in Form hoher Migrationskosten scheuen viele Unternehmen zurück. Gleichzeitig spielen Aspekte wie Investitionsschutz und Abschreibungen eine nicht zu unterschätzende Rolle.






Andreas Zipser, easy software AG: “Alle reden über digitale Souveränität – aber kaum einer kann sagen, was damit konkret gemeint ist.”easy software AG



Angst vor zu hohen Migrationskosten



Das Thema Digitale Souveränität stellt sich insofern bei vielen Unternehmen als ein höchst komplexes Unterfangen dar. Denn neben dem Kapitel operative Souveränität, also der Abhängigkeit oder Nicht-Abhängigkeit von Dienstleistern, ist zumindest für ein Drittel der Studienteilnehmenden auch die technologische Souveränität unabdingbar. Gemeint ist die Frage, inwieweit sich IT-Infrastruktur und -Plattformen, Netzwerke, Hardware-Komponenten samt notwendiger Software-Patches über den gesamten Lebenszyklus kontrollieren lassen. Hinzu kommt: Die Anwenderinnen und Anwender wollen wissen, wo ihre Daten gehosted werden und wer darauf zugreifen kann. Dazu gehört im Zweifel auch die Klarheit darüber, wer auf welchen Daten ein Sprachmodell trainiert und wer die Outputs managt und kontrolliert.



Viele Unternehmen haben im Kontext Digitaler Souveränität vor allem Ängste und sehen hier Cyber-Angriffe als die größte Gefahr, dicht gefolgt vom Kontrollverlust über die eigenen Daten. Insofern versuchen sie, gegenzusteuern und nehmen die Priorisierung einer Multi-Cloud-Strategie, den Aufbau moderner und skalierbarer Datenplattformen sowie eine stärkere Fokussierung auf IT-Governance auf ihre Agenda. Alles Handlungsfelder, die beileibe nicht neu sind – und wo in den Unternehmen offensichtlich bis dato vieles nicht entschlossen genug angepackt wurde. Stark im Kommen sind der Befragung zufolge zudem der Einsatz von Open Source sowie die Implementierung stärkerer Kontrollmechanismen für den Einsatz Künstlicher Intelligenz.



Andreas Zipser, Vorstandsvorsitzender der easy software AG, bringt in diesem Zusammenhang das Dilemma vieler IT-Verantwortlicher auf den Punkt: „Die Unternehmen sind heute Gefangene ihrer eigenen Widersprüche. Alle reden über digitale Souveränität – aber kaum einer kann sagen, was damit konkret gemeint ist. Bei Künstlicher Intelligenz drücken die Firmen aufs Gaspedal, während das Fundament aus Daten und Governance nicht trägt. Viele Entscheider fürchten den Vendor Lock-in, trauen sich aber nicht auszubrechen. Diese Zielkonflikte ziehen sich wie ein roter Faden durch die Studie.“ 



 Etwas zurückhaltender kommentiert Thomas Weber, Vice President T Cloud Public bei T-Systems, die Ergebnisse: „Die Studie zeigt, dass sich das Thema Digitale Souveränität von einem Nischenthema zu einer Priorität auf Führungsebene entwickelt hat. Mehr als 60 Prozent der Unternehmen messen der Souveränität inzwischen eine hohe Bedeutung bei, während die Bedenken hinsichtlich der Datenkontrolle, der Cybersicherheit und der Abhängigkeit von einzelnen Anbietern weiter zunehmen. Für europäische Unternehmen geht es bei der Souveränität nicht mehr nur um Compliance. Vielmehr geht es darum, die Innovationsfreiheit zu wahren, Künstliche Intelligenz selbstbewusst einzusetzen und in einem zunehmend komplexen geopolitischen Umfeld widerstandsfähig zu bleiben.“






Thomas Weber, Vice President T Cloud Public bei T-Systems: “Für europäische Unternehmen geht es bei der Souveränität nicht mehr nur um Compliance.” T-Systems International GmbH



Preis-Leistungs-Verhältnis nach wie vor entscheidend



Stichwort Geopolitik: Hier wurde im Rahmen der aktuellen Studie auch gefragt, ob sich die Unternehmen für einen europäischen Provider entscheiden würden, selbst wenn dieser nur 90 Prozent der Features eines der US-amerikanischen Hyperscaler bieten würde. Die Antworten der Studienteilnehmenden fielen überraschend aus: Nur knapp ein Drittel der Befragten würden sich für einen europäischen und damit ein mutmaßlich ausreichendes Maß an Souveränität garantierenden Dienstleister entscheiden. Fast die Hälfte der Anwenderinnen und Anwender würden diesen Weg nur bei einer Preis-Parität gehen und immerhin neun Prozent sprechen sich unverändert für die Zusammenarbeit mit einem der US-amerikanischen Hyperscaler aus, da nur diese ihren Kunden letzten Endes die in Einzelfällen notwendigen geschäftskritischen Features bieten könnten. 



Wahlfreiheit ist also, zumindest theoretisch, eine Grundvoraussetzung digitaler Souveränität. Armin Leinfelder, Leading Product Manager bei baramundi software, fasst diesen zentralen Punkt der Studie nochmals zusammen: „Digitale Souveränität heißt: Optionen haben. Die Studie zeigt, dass genau diese Wahlfreiheit für viele Unternehmen immer wichtiger wird. Wer seine IT so gestaltet, dass Entscheidungen aus eigener Stärke und nicht aus Abhängigkeiten heraus getroffen werden, gewinnt langfristig an Handlungsfähigkeit und Resilienz.“    






Armin Leinfelder, baramundi software: „Digitale Souveränität heißt: Optionen haben. Die Studie zeigt, dass genau diese Wahlfreiheit für viele Unternehmen immer wichtiger wird. Chris Müller I Konzeption & Photodesign / baramundi software GmbH



In jedem Fall gibt es bei der Nutzung von Nicht-EU-Cloud-Anbietern auch große Vorbehalte. So befürchtet die große Mehrheit der Unternehmen einen unberechtigten Datenzugriff durch fremde Behörden – eine Mutmaßung, die in erster Linie den Bedenken gegenüber dem US-amerikanischen Cloud Act geschuldet ist. Ein ebenso hoher Anteil der befragten Anwenderinnen und Anwender erachtet daher eine vollständig souverän administrierte Cloud-Plattform für essenziell.



Sicherheit hat unverändert Top-Priorität



Zu den konkreten Features einer entsprechenden Cloud-Umgebung gehörten demnach vor allem sicherheitsrelevante Funktionen. Die Studienteilnehmenden verweisen hier in erster Linie auf Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, auf Einblicke in Zugriffsprotokolle und Betriebsabläufe sowie eine effektive Verschlüsselungskontrolle. Jeweils rund ein Viertel der IT-Entscheiderinnen und IT-Entscheider führen auch Aspekte wie Multi-Cloud-Fähigkeit, die Implementierung einer Zero-Trust-Architektur samt netzwerkseitiger Isolation sowie die Gewährleistung offener Standards und Schnittstellen ins Feld.



Götz Schartner, CEO von 8com, sieht sich hier bestätigt. „Dass 77 Prozent der Befragten eine Datenhaltung in der EU priorisieren, die Mehrheit bewusst kein globales Follow-the-Sun-Modell wünscht und eine Architektur wünscht, die auf einer ISO-27001-Zertifizierung laut BSI IT-Grundschutz basiert, zeigt: Die Unternehmen wollen wissen, wo ihre Daten liegen, wer ihre Sicherheit verantwortet und nach welchen Standards sie gewährleistet wird.“



 






Götz Schartner, 8com: “Die Unternehmen wollen wissen, wo ihre Daten liegen, wer ihre Sicherheit verantwortet und nach welchen Standards sie gewährleistet wird.“8com GmbH & Co. KG.



So heterogen das Meinungsbild beim Verhältnis zu den Cloud-Anbietern ist, so einhellig ist der Tenor, was die grundsätzliche Nutzung der Cloud als etabliertes IT- und Betriebsmodell angeht. Mehr als 70 Prozent aller befragten Unternehmen nutzen aktuell Cloud-Services. Aber die Cloud ersetzt nicht zwingend alte IT-Umgebungen, sie wird vielfach als komplementär angesehen. On-Premises-Systeme haben unverändert ihre Daseinsberechtigung.



Das bei den Anwenderinnen und Anwendern mit Abstand beliebteste Cloud-Betriebsmodell ist die Private Cloud, die entweder im eigenen oder in einem extern betriebenen Rechenzentrum gehosted wird. Knapp ein Drittel der Unternehmen bevorzugen eine Mischform, also ein hybrides Betriebsmodell in der Multi-Cloud. Bei der Nutzung unterschiedlicher Spielarten von Cloud-Services dominiert wiederum mit großem Abstand die Kategorie Software-as-a-Service (SaaS).



EU-Anbieter machen Boden gut



Besonders spannend ist unter dem Aspekt digitaler Souveränität zwangsläufig die Frage, in welchen Regionen die Unternehmen ihre primäre Cloud-Infrastruktur betreiben. Auch hier liefert die Studie überraschende Erkenntnisse. So setzen bereits 79 Prozent der befragten Unternehmen inzwischen auch auf die Zusammenarbeit mit in der EU-ansässigen Anbietern. Mehr als 40 Prozent der Firmen unterhalten jedoch auch eine Geschäftsbeziehung mit einem der US-amerikanischen Hyperscaler. Dies ist mehr als ein Achtungserfolg für die hiesigen Provider und zeigt eine am Ende doch eindeutige Tendenz bei den Anwenderinnen und Anwendern, wo immer möglich mehr Flexibilität anzustreben und sich in ihrem Dienstleister Öko-System breiter aufzustellen.






Marc Wilczek, plusserver: “Entscheidend ist, dass Datenhaltung, Rechtsraum und Exit-Optionen von Anfang an Teil der Cloud-Strategie sind.“plusserver



Marc Wilczek, CEO von plusserver, formuliert die Strategie, von der sich Unternehmen in Sachen Digitaler Souveränität aktuell leiten lassen sollten, wie folgt: „Unternehmen bewerten digitale Souveränität heute entlang von Technologie, Datenhaltung und operativer Steuerbarkeit. Wenn sie Funktionsumfänge abwägen, dann betrifft das in der Praxis meist sehr spezifische Features einzelner Ökosysteme. Den Kern geschäftskritischer Anwendungen sichern sie weiterhin ab. Entscheidend ist, dass Datenhaltung, Rechtsraum und Exit-Optionen von Anfang an Teil der Cloud-Strategie sind.“            






Die neue Studie “Digitale Souveränität 2026” von CIO, COMPUTERWOCHE und Research Services
Research Services: erdenbuerger – kreative kommunikation



 Studiensteckbrief



Herausgeber: CIO und COMPUTERWOCHE



Studienpartner:  T-Systems International GmbH; 8com GmbH & Co. KG; easy software AG; plusserver GmbH; baramundi software GmbH



Grundgesamtheit: Oberste (IT-)Verantwortliche in Unternehmen der DACH-Region: Beteiligte an strategischen (IT-)Entscheidungsprozessen im C-Level-Bereich und in den Fachbereichen (LoBs); Entscheidungsbefugte sowie Experten und Expertinnen aus dem IT-Bereich



Teilnehmergenerierung: Persönliche E-Mail-Einladung über die Entscheiderdatenbank von CIO und COMPUTERWOCHE sowie – zur Erfüllung von Quotenvorgaben – über externe Online-Access-Panels



Gesamtstichprobe: 312 abgeschlossene und qualifizierte Interviews



Untersuchungszeitraum: 12. bis 21. Mai 2026



Methode: Online-Umfrage (CAWI) Fragebogenentwicklung & Durchführung: Custom Research Team von CIO und Computerwoche in Abstimmung mit den Studienpartnern