Wie Celonis sein Geschäftsmodell für das KI-Zeitalter umbaut
Das Büro von Celonis in München Schwabing liegt nicht weit von ihrem Ursprung, der TU München, entfernt.Celonis
Celonis hat sich in den vergangenen 15 Jahren vom Process-Mining-Pionier zu einem Anbieter für Process Intelligence und inzwischen zu einer Plattform für sogenannte Context Models entwickelt.
Während Process Mining ursprünglich darauf abzielte, einzelne Geschäftsprozesse wie Einkauf, Vertrieb oder Produktion datenbasiert zu visualisieren, geht der heutige Ansatz deutlich weiter: Er verknüpft sämtliche Prozesse eines Unternehmens in einem gemeinsamen Datenmodell und ergänzt sie um Geschäftswissen sowie Business-Objekte.
„Der Mehrwert liegt darin, die Zusammenhänge entlang kompletter Wertschöpfungsketten über einen digitalen Zwilling sichtbar zu machen“, erklärt Florian Schewior, DACH-Chef von Celonis, im CW-Gespräch.
Gerade in produzierenden Unternehmen reiche es nicht aus, Einkauf, Produktion oder Logistik isoliert zu betrachten. Entscheidend sei vielmehr, die einzelnen Prozesse zu verzahnen. „Erst diese End-to-End-Sicht ermöglicht es, Engpässe zu erkennen und Prozesse ganzheitlich zu optimieren“, führt er aus.
Abläufe analysieren und neu designen
Neben der Analyse bestehender Abläufe unterstützt Celonis nach eigenen Angaben inzwischen auch das Design neuer Prozesse. Unternehmen können Soll-Prozesse modellieren und diese kontinuierlich mit der tatsächlichen Umsetzung vergleichen. Darüber hinaus lasse sich die Plattform auch nutzen, um Schwachstellen automatisiert zu beseitigen.
„Man kann Prozesse komplett neu designen“, so Schewior. Über die sogenannte Orchestration Engine ließen sich erkannte Probleme nicht nur identifizieren, sondern auch direkt durch Automatisierung oder KI-gestützte Orchestrierung beheben.
Der Manager demonstriert die Vorgehensweise am Beispiel eines Einbürgerungsverfahrens. Hier analysiere die Plattform nicht nur die Durchlaufzeiten, sondern identifiziere auch die Ursachen für Verzögerungen und schlage Optimierungen vor.
„Das Ziel ist gar nicht, dass sich ein Anwender einen ineffizienten Prozess anschaut“, erklärt der DACH-Chef von Celonis. Vielmehr gehe es darum, Probleme automatisch zu erkennen und Prozesse – insbesondere mit Hilfe von KI – kontinuierlich zu verbessern.
In bestimmten Fällen könnten Agenten dabei sogar selbstständig reagieren, etwa indem sie fehlende Unterlagen automatisch anfordern.
Trotz des größeren Funktionsumfangs soll die Einführung dabei heute einfacher und schneller sein als früher. Der Grund: Celonis greift dabei auf bereits vorhandene Daten aus ERP-, CRM- oder anderen Unternehmenssystemen zu.
„Wir migrieren ja nicht ein ERP-System, sondern die Daten sind bereits da“, betont Schewior. Ein KI-Assistent von Celonis identifiziert automatisch relevante Geschäftsobjekte, verbindet unterschiedliche Datenquellen miteinander und erstellt daraus das notwendige Datenmodell“, erklärt der Manager.
Arbeiten, die bislang von Data Scientists oder Data Engineers manuell erledigt werden mussten, übernehme die Software dabei inzwischen weitgehend selbstständig. Das Ergebnis sei in der Regel bereits eine „95-Prozent-Lösung“, die anschließend nur noch gezielt nachjustiert werden müsse.
Wie schnell sich dieser Ansatz umsetzen lässt, zeigt sich in der öffentlichen Verwaltung. Gemeinsam mit den Städten München und Nürnberg seien unterschiedliche Quellsysteme innerhalb weniger Wochen miteinander verbunden und die notwendigen Analysen aufgebaut worden, berichtet Schewior.
„Wenn man das selbst in der öffentlichen Hand in der Schnelligkeit schafft, funktioniert das auch in der Privatwirtschaft.“
Digitale Agenten steuern
Florian Schewior, Geschäftsführer DACH bei CelonisCelonis
Ein weiterer Schwerpunkt von Celonis ist das Management von KI-Agenten. Viele Unternehmen stünden inzwischen vor der Herausforderung, dass Agenten zwar Aufgaben übernehmen, die Kosten dafür aber aus dem Ruder laufen, führt Schewior aus.
„Vor kurzem hatte ich ein Meeting mit einem DAX-CFO, der mir gesagt hat: Die Agenten, die wir gerade einsetzen, sind eigentlich teurer als die FTEs, die wir abgebaut haben.“
Genau hier setze das Context Model, das eine Wissensschicht zwischen Unternehmensdaten und den eingesetzten Sprachmodellen bildet, an, so der Celonis-Manager.
Es liefere den Agenten den notwendigen Geschäftskontext, reduziere Halluzinationen und verhindere unnötige Schleifen bei der Informationssuche. Gleichzeitig könnten Unternehmen überwachen, wie effizient ihre Agenten tatsächlich arbeiten.
„Wir können sehen, was Input und Output der Agenten ist“, erklärt Schewior. Künftig werde es wichtig sein, nicht nur Mitarbeitende, sondern auch digitale Agenten hinsichtlich Leistung und Kosten zu steuern.
Die Infrastruktur habe Celonis dabei bewusst offen aufgebaut, sodass Kunden das jeweils passende Large Language Model (LLM) auswählen oder unterschiedliche Modelle parallel einsetzen könnten, so der Manager. „Wir sehen uns so ein bisschen als Schweiz der Softwarewelt.“
Eine neue Softwarekategorie
Mit diesem Ansatz sieht Celonis sich längst nicht mehr nur als Anbieter für Process Mining oder Process Intelligence. „Mittlerweile formen wir de facto die nächste Softwarekategorie mit dem Context Model“, so Schewior.
Ziel sei es, Unternehmen, aber auch der Öffentlichen Hand, die Infrastruktur bereitzustellen, mit der sich KI schneller und effizienter einsetzen lasse. Während Celonis im Process Mining inzwischen als Weltmarktführer gelte, verschiebe sich der Wettbewerb nun in Richtung KI-Infrastruktur.
„Die Realität bei unseren Kunden ist, dass es eine Vielzahl verschiedener Systeme gibt und Prozesse kaum in einem Silo betrachtet werden können“, sagt Schewior.
Gerade diese Systemoffenheit verschaffe Celonis einen Vorteil gegenüber Wettbewerbern wie SAP. Das Unternehmen könne Informationen aus unterschiedlichsten Anwendungen zusammenführen und Geschäftsprozesse ganzheitlich analysieren.
Gleichzeitig beobachtet Schewior einen zweiten Trend: Immer mehr Unternehmen verzichteten darauf, ihre Altsysteme vollständig abzulösen. Stattdessen entstehe über bestehenden Anwendungen eine KI-gestützte Steuerungsebene.
„Man muss gar nicht immer unbedingt zu neuen Systemen migrieren. Vielleicht lässt man die Systeme so, wie sie sind, und kann sie durch KI besser und schneller aussteuern“, so der Celonis-Entscheider.
Keine Angst vor der SaaSpokalypse
Den aktuellen KI-Agenten-Boom – Stichwort „SaaSpokalypse“ – sieht Schewior dabei nicht als Bedrohung für Celonis, sondern als zusätzlichen Wachstumstreiber. Viele Unternehmen hätten zwar Agenten eingeführt, kämpften nun aber mit steigenden Betriebskosten und begrenztem Nutzen, erklärt er.
Genau an dieser Stelle positioniert Celonis seine Plattform: „Wir liefern den Agenten das entsprechende Wissen, um wirklich koordiniert und strukturiert bei niedrigsten Kosten das bestmögliche Outcome zu erreichen“, so der Manager.
Nach Angaben des DACH-Chefs zeigen erste Kundenvergleiche deutliche Unterschiede zwischen KI-Agenten mit und ohne Context Model. So könnten Agenten ohne den geschäftlichen Kontext zwar einzelne Datenpunkte analysieren, nicht aber Zusammenhänge über Prozesse und Geschäftsobjekte hinweg verstehen.
Gleichzeitig sinke der Token-Verbrauch deutlich, weil die Agenten von Anfang an mit den relevanten Informationen versorgt würden und sich diese nicht erst iterativ zusammensuchen müssten.
Einen wichtigen Wettbewerbsvorteil sieht Celonis zudem in seinem über Jahre aufgebauten Prozesswissen. Jede neue Implementierung erweitere den Wissensbestand der Plattform und verbessere gleichzeitig den KI-Assistenten Apollo, der Datenstrukturen automatisch erkennt und miteinander verknüpft.
„Je mehr Implementierungen wir durchführen, umso mehr Wissen hat auch so ein KI-Assistent“, erklärt Schewior. Hinzu komme die Möglichkeit, Prozesse nicht nur innerhalb eines Unternehmens zu vergleichen, sondern sie auch mit anonymisierten Branchen-Benchmarks abzugleichen.
Kernprozesse im Mittelpunkt
Auch inhaltlich hat sich der Fokus von Celonis in den vergangenen Jahren deutlich verschoben. Während das Unternehmen zunächst vor allem Finanz- und Shared-Service-Prozesse analysierte, stehen heute geschäftskritische Kernprozesse im Mittelpunkt.
Als prominentes Beispiel verweist Schewior auf das Technologieunternehmen Hitachi Energy, der mit einem Auftragsbestand von mehr als 50 Milliarden Euro vor der Herausforderung stehe, Bestellungen schneller in Umsatz umzuwandeln. Dort unterstütze Celonis dabei, Engpässe in der Auftragsabwicklung zu identifizieren und die Umsetzung zu beschleunigen.
Auch im öffentlichen Sektor sieht Celonis erhebliches Potenzial, weshalb das Unternehmen seit einigen Monaten gezielt in diesen Markt investiert. Ziel sei es, eine souveräne Plattform bereitzustellen, die Datenschutz-, Sicherheits- und Compliance-Anforderungen auch in sensiblen Bereichen wie Verwaltung oder Verteidigung erfüllt.
„Da die Plattform sehr offen ist, kann man theoretisch jeden Anwendungsfall umsetzen“, erklärt der DACH-Chef. Entscheidend sei letztlich nicht die Branche, sondern die Fähigkeit, komplexe Prozesse datenbasiert transparent zu machen und kontinuierlich zu optimieren.
Ein zusätzlicher Rückenwind kommt aus der Debatte um digitale Souveränität. Zwar profitiere Celonis davon, ein deutsches Unternehmen mit Sitz in München zu sein.
Entscheidend sei für den Markterfolg jedoch nicht die Herkunft allein. Der Anspruch von Celonis sei es deshalb, beide Anforderungen miteinander zu verbinden: leistungsfähige KI-Technologie und europäische Datensouveränität.
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