Die schlimmsten KI-Sünder im Bundestag
KI ist mittlerweile auch im Bundestag angekommen. Immer mehr Reden werden von der KI erstellt.Margarita Kosareva – Shutterstock.com
Bereits jede neunte Bundestagsrede enthält im Sommer 2026 messbare Spuren von KI. Ein Jahr zuvor war das nur bei jeder 13. Rede der Fall. Das entspricht einer Steigerung von 58 Prozent. Dabei greifen am ehesten SPD-Abgeordnete zum Hilfsmittel der KI. Sie kommen auf einen durchschnittlichen KI-Score von 7,69 Prozent. Einzelne Abgeordnete anderer Parteien lassen ihre Reden sogar zu 100 Prozent von der KI schreiben.
Die Zahlen basieren auf einer Untersuchung der PR-Agentur Twenty Eight. Mit Hilfe des KI-Erkennungsdienst Pangram wurden 4.471 Plenarreden, 2.598 aus 2025 und 1.873 aus 2026, mit mindestens 500 Wörtern unter die Lupe genommen. Dabei stuft Pangram jeden Text als „Human”, „Mixed” (KI-unterstützt) oder „AI” (vollständig KI) ein. Als durchgängige Kennzahl wurde ein gewichteter KI-Score je Rede gebildet, der KI voll und „Mixed” zur Hälfte zählt. Der durchschnittliche KI-Score wurde je Fraktion (SPD, CDU/CSU, AfD, Grüne, Linke sowie Regierungsreden separat) und je Redner (582 Personen) berechnet.
Automatisierung des politischen Denkens
Die so gewonnenen Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Der durchschnittliche KI-Score kletterte von 3,8 Prozent (2025) auf 6 Prozent (2026). Das legt die Vermutung nahe, dass KI in den Abgeordnetenbüros wohl längst kein Experimentierfeld mehr ist, sondern als hocheffizientes Werkzeug zur Bewältigung der Informationsflut genutzt wird. Eine andere, negative Interpretation könnte aber auch lauten: Wir erleben gerade die schleichende Automatisierung des politischen Denkens – mit noch unbekannten Auswirkungen auf das politische Gemeinwesen.
Die Grenzen zwischen menschlichem Genius und KI-Inspiration sind dabei im parlamentarischen Alltag fließend. So rechnet die Untersuchung von den 406 identifizierten Reden 314 der Kategorie „Mixed“ (KI-unterstützt) zu. 92 Reden stammen allerdings gänzlich aus der Feder der AI, sind also vollständig KI-generiert.
KI-Einheitsbrei
Diese Zahlen legen nahe, dass die Abgeordneten ein hybrides Modell bevorzugen. Die Maschine liefert das Skelett, der Mensch – theoretisch – das Fleisch. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob damit nicht die Gefahr droht, dass die individuelle politische Handschrift im Einheitsbrei der Wahrscheinlichkeiten versinkt. Hier sei nur an die brillanten Reden der Altvorderen wie Strauß, Wehner, Brandt etc. erinnert – das waren rhetorische Sternstunden der parlamentarischen Debattenkultur.
Besonders brisant wird es beim Blick auf die politischen Lager. Die Untersuchung zeigt ein tiefes Gefälle in der digitalen Textkultur der Fraktionen. Während einige Gruppen offensiv mit dem Algorithmus flirten, üben sich andere in vornehmer Zurückhaltung:
Fraktion/GruppeDurchschnittlicher KI-ScoreSPD7,69 ProzentAfD6,00 ProzentCDU/CSU4,40 ProzentDie Linke4,20 ProzentBündnis 90/Die Grünen1,80 ProzentRegierungsmitglieder1,20 Prozent
Ein politisches Paradoxon
Die Untersuchung erkennt hierin ein politisches Paradoxon: Die SPD führt das Ranking mit 7,69 Prozent deutlich an, während ihre eigenen Minister (erfasst in der Gruppe der Regierungsmitglieder) mit 1,20 Prozent das Schlusslicht bilden. Dies deute auf eine massive Kluft zwischen dem „Fußvolk“ der Fraktion und der hochgradig formalisierten, vorsichtigen Kommunikation der Exekutive hin. Die Erklärung könnte aber auch einfacher sein: Den Regierungsmitgliedern steht mit der Ministerialbürokratie auch ein Stab an gutbezahlten Redenschreibern zur Verfügung, so dass sie die KI schlicht nicht benötigen.
Besonders interessant werden die Zahlen, wenn man aus reiner Neugier das KI-Nutzungsverhalten einzelner Abgeordneter analysiert. Dann stechen die drei AfD-Abgeordneten Tobias Teich, Christoph Grimm und Claudia Weiss hervor. Sie erreichen Spitzenwerte von 100 Prozent. Fairerweise muss man jedoch dazusagen, dass diese Werte auf einer äußerst kleinen Stichprobe basieren: Bei Teich zwei Reden, bei Grimm und Weiss jeweils eine Rede). Statistisch belastbarer sind die dagegen die Werte von Sascha Lensing (AfD, 76,2 Prozent bei fünf Reden) und Christos Pantazis (SPD, 66,6 Prozent bei elf Reden).
Mehrheit nutzt KI (noch) nicht
Zur Ehrenrettung der Abgeordneten ist anzumerken: Die schweigende Mehrheit (69 Prozent) scheint derzeit noch auf ihre eigene Argumentation in ihren Reden zu vertrauen. Oder sie ist so clever beim KI-Einsatz, dass sie keine nachweisbaren Spuren hinterlässt.
Bei der Interpretation der Ergebnisse ist allerdings zu beachten, dass Verfahren wie Pangram keine Urheberschaft im juristischen Sinne beweisen. Da die Sprachmodelle mit menschlichen Daten trainiert wurden, finden sich deren Muster auch in älteren Texten wieder. Dennoch sollten wir die schleichende KI-Revolution am Rednerpult kritisch beäugen: Ist die politische Message nur noch das Ergebnis statistischer Wahrscheinlichkeiten, ist das wichtigste der Demokratie in Gefahr – der authentische, pluralistische Meinungsstreit unterschiedlicher politischer Lager.
Sämtliche Ergebnisse der Analyse finden Sie hier.
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