„Wir müssen endlich über Erholung sprechen“
Erholung darf nicht erst nach Feierabend beginnen, sondern muss ein Bestandteil der Arbeitsorganisation sein.LightField Studios – Shutterstock.com
Digitale Erreichbarkeit, Informationsflut und ständige Unterbrechungen gehören für viele Beschäftigte zum Arbeitsalltag – und darüber hinaus. Wie stark diese Belastungen tatsächlich verbreitet sind und welche Folgen sie für Gesundheit und Wohlbefinden haben, hat die IU Internationale Hochschule in einer Studie untersucht.
Im Gespräch mit der COMPUTERWOCHE ordnen die Studienautoren Stefanie André, Professorin für Gesundheitsmanagement, und Timo Kortsch, Professor für Wirtschaftspsychologie, die Ergebnisse ein und erläutern, wie sich digitaler Stress wirksam reduzieren lässt.
„Kein individuelles Problem, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung“
Digitalen Stress kennt inzwischen vermutlich fast jeder. Was unterscheidet diese Form der Belastung von dem Stress, dem frühere Generationen ausgesetzt waren?
Prof. Dr. Timo Kortsch: Verändert haben sich heute vor allem die Rahmenbedingungen: Es gibt mehr Geräte, mehr Kommunikationskanäle und mehr Möglichkeiten, jederzeit miteinander in Kontakt zu treten. Damit steigt häufig auch der Druck, möglichst schnell zu reagieren.
Schon kleine technische Funktionen wie die Haken in Messenger-Diensten können dabei Erwartungen erzeugen. Sobald der Absender weiß, dass ich die Nachricht gesehen habe, entsteht schnell das Gefühl, nun auch unmittelbar antworten zu müssen.
Prof. Dr. Stefanie André: Der entscheidende Unterschied ist aus meiner Sicht die Entgrenzung. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Erreichbarkeit und Nichterreichbarkeit sind sehr viel durchlässiger geworden. Früher war wesentlich klarer, wann jemand erreichbar war und wann nicht. Heute begleiten uns Smartphone, E-Mail und Messenger praktisch durchgehend.
Ist diese digitale Überlastung vor allem ein Gesundheitsproblem, ein Problem der Arbeitswelt oder bereits ein gesellschaftliches Phänomen?
André: Alles zugleich. Always-on-Zustände wirken sich zunächst ganz individuell aus. Sie betreffen aber ebenso den Beruf, unseren Arbeitsauftrag, den Alltag, das Familienleben und unser gesamtes Alltagsmanagement.
Hinzu kommt, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Leistung, Präsenz und permanente Verfügbarkeit einen sehr hohen Stellenwert haben.
Kortsch: Ich stimme zu. Man kann kaum entscheiden, welche Ebene die wichtigste ist, weil sie stark ineinandergreifen. Sowohl in der Arbeitswelt als auch im privaten Umfeld haben wir gemeinsame Erwartungen entwickelt, die permanente Erreichbarkeit begünstigen.
Ein gutes Beispiel sind – wieder – Messenger-Dienste. Schnell entsteht eine WhatsApp-Gruppe mit Kolleginnen und Kollegen. Damit läuft über dasselbe Gerät und dieselbe Anwendung sowohl private als auch berufliche Kommunikation. Genau dadurch verschwimmen die Grenzen immer weiter.
width="682" height="1024" sizes="auto, (max-width: 682px) 100vw, 682px">Prof. Dr. Timo Kortsch: “Gerade bei wissensintensiver und informationsreicher Arbeit steigt oft die Leistungsfähigkeit, wenn Menschen ausreichend regenerieren können.”Kortsch
„Wir haben uns als Gesellschaft in diese Situation manövriert“
Trotzdem wird dem Einzelnen häufig geraten, einfach disziplinierter mit Smartphone und E-Mails umzugehen. Ist digitaler Stress letztlich ein Problem mangelnder Selbstkontrolle?
André: Nein, und das ist mir besonders wichtig: Digitaler Stress ist kein individuelles Versagen. Es geht nicht darum, dass einzelne Menschen zu wenig Kompetenz, Selbstdisziplin oder persönliche Stärke besitzen, um mit dieser Situation umzugehen.
Unsere Ergebnisse zeigen vielmehr, dass die Informations- und Erreichbarkeitsflut Menschen über alle Altersgruppen, Gesellschaftsschichten und Lebensbereiche hinweg betrifft. Natürlich kann jeder versuchen, das eigene Verhalten zu verändern. Aber wir dürfen ein strukturelles und gesellschaftliches Problem nicht allein auf die Verantwortung des Individuums abwälzen.
Wer steht dann in der Verantwortung? Müssen vor allem Unternehmen handeln?
André: Nicht nur Unternehmen. Wir müssen auch gesellschaftliche Institutionen, Bildungseinrichtungen und die Politik einbeziehen. Im Kern geht es um die Frage, welche Haltung wir gegenüber Erholung vermitteln. Ich spreche in diesem Zusammenhang gerne von einer „Recovery Culture“, also einer Erholungskultur.
Eine solche Kultur fehlt aus meiner Sicht in vielen Unternehmen, aber auch in Politik und Gesellschaft.
Der menschliche Körper benötigt jedoch weiterhin ein Gleichgewicht aus Anspannung und Entspannung. In der Stressforschung wird dabei vom allostatischen Gleichgewicht gesprochen.
Wenn auf Anspannung immer wieder ausreichende Erholung folgt, kann der Mensch Belastungen vergleichsweise gesund bewältigen. Kippt dieses Gleichgewicht dauerhaft, steigt die Wahrscheinlichkeit für gesundheitliche Einschränkungen bis hin zu chronischen Krankheitszuständen.
Kortsch: Ich halte auch die Frage nach Schuld für wenig hilfreich. Wir haben uns als Gesellschaft gemeinsam in diese Situation hineinmanövriert. Deshalb müssen auch alle Beteiligten dazu beitragen, sie gesünder zu gestalten.
Natürlich können Individuen ihre Gewohnheiten überprüfen und verändern. Das ist aber nur innerhalb eines bestimmten Rahmens möglich. Deshalb müssen auch Unternehmen die Frage beantworten, wie sie Arbeit gesund und gesundheitsförderlich gestalten.
Viele Unternehmen versuchen inzwischen, die ständige Erreichbarkeit technisch einzuschränken. Sind solche Maßnahmen sinnvoll?
André: Verbote und starre Regelungen können die Wirksamkeit gesundheitsfördernder Maßnahmen deutlich einschränken. Aus der Salutogenese wissen wir, wie wichtig es ist, dass Menschen in die Lage versetzt werden, selbstverantwortlich zu handeln und einen gewissen Gestaltungsspielraum zu behalten.
Bevor ich etwa E-Mails auf bestimmte Zeitfenster begrenzen würde, hätte ich einen anderen Vorschlag: Nehmen wir doch die Uhrzeit aus den E-Mails heraus. Dann ist nicht mehr sichtbar, ob jemand die Nachricht morgens um sechs oder abends um 23 Uhr geschrieben hat. Damit würde ein Teil des sozialen Drucks wegfallen.
Menschen haben unterschiedliche Bio- und Chrono-Rhythmen. Wenn wir Beschäftigte gesund halten wollen, dürfen wir nicht mit der Gießkanne über alle hinweggehen. Jeder Mensch benötigt einen gewissen Spielraum, um Arbeit und Erholung passend zu den eigenen Bedürfnissen zu organisieren.
Kortsch: Ich bin ebenfalls ein großer Befürworter von Autonomie. Allerdings kann auch ein Übermaß an Freiheit überfordern – vor allem dann, wenn Beschäftigte innerhalb kürzester Zeit sehr viele Informationen verarbeiten und ständig neue Entscheidungen treffen müssen.
Unternehmen sollten deshalb einen Orientierungsrahmen und klare Leitplanken schaffen. Ein großes Problem besteht darin, dass viele Erwartungen nur implizit vorhanden sind. Beschäftigte glauben womöglich, ihre Führungskraft erwarte eine Antwort am späten Abend. Die Führungskraft selbst hat diese Erwartung aber vielleicht gar nicht. Solche Unterschiede zwischen wahrgenommenen und tatsächlichen Erwartungen können erheblichen Druck erzeugen.
Technische Systeme sind deshalb aus meiner Sicht nur die zweitbeste Lösung.
width="731" height="1023" sizes="auto, (max-width: 731px) 100vw, 731px">Prof. Dr. Stefanie André: “Ich erzähle ganz offen, dass ich fast jeden Tag einen Mittagsschlaf mache. Darauf bekomme ich selten die Reaktion: ‘Wie gut, dass Sie auf Ihre Erholung achten.’“ André
„Digitale Erreichbarkeit ist nicht automatisch ungesund“
Warum reagieren Menschen überhaupt so empfindlich auf digitale Reize und ständige Unterbrechungen?
André: Zunächst müssen wir festhalten, dass digitale Erreichbarkeit nicht per se gesundheitsgefährdend ist. Digitale Kommunikation kann sehr viele Vorteile bieten. Sie erleichtert soziale Kontakte, verkürzt Kommunikationswege und hilft dabei, den Alltag zu organisieren.
Problematisch wird es, wenn Menschen nicht mehr loslassen können und die Belastung chronisch wird. Dazu gehören die Fear of Missing Out (FOMO), also die Angst, etwas zu verpassen, der permanente Vergleich mit anderen und das Gefühl, ständig sichtbar und messbar zu sein.
Hinzu kommen persönliche Antreiber: Keine Grenzen setzen können, nicht Nein sagen und immer funktionieren wollen oder stark, perfekt und schnell sein zu müssen. Treffen solche inneren Erwartungen auf eine Umgebung permanenter Erreichbarkeit, kann das System kippen.
Woran lässt sich erkennen, dass dieses System bereits aus dem Gleichgewicht geraten ist?
André: Körperlich äußert sich die Belastung beispielsweise durch innere Unruhe, Nervosität, Kopfschmerzen, Verspannungen, Schlafprobleme, Bauchschmerzen oder Verdauungsbeschwerden. Auch eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte kann auftreten.
Im mentalen und psychischen Bereich beobachten wir Gereiztheit, Konzentrationsprobleme oder sogenannten Brain Fog. Manche Menschen berichten sogar von leichten Wahrnehmungsproblemen und dem Eindruck, nicht mehr so gut hören oder sehen zu können.
Ein häufig unterschätzter Bereich ist die soziale Gesundheit. Dauerhafter Stress kann dazu führen, dass Menschen schneller genervt reagieren und häufiger mit Partnern, Kindern oder anderen Personen in ihrem Umfeld streiten. Die Belastung zeigt sich dann nicht nur im individuellen Befinden, sondern auch in den Beziehungen zu anderen.
Es bleibt also nicht bei einzelnen Symptomen?
Kortsch: Nein. Besonders problematisch ist, dass daraus Abwärtsspiralen entstehen können. Wer permanent gestresst ist, reagiert häufig kürzer angebunden und weniger freundlich, als er es normalerweise tun würde.
Im Arbeitskontext kann das dazu führen, dass sich Kolleginnen und Kollegen zurückziehen. Damit fallen genau jene sozialen Ressourcen weg, die in belastenden Situationen eigentlich helfen könnten. Unterstützung durch das Team wirkt normalerweise wie ein Puffer gegen Stress. Verschlechtert sich die Zusammenarbeit, geht diese Schutzfunktion verloren.
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„Erholung genauso ernst nehmen wie Leistung“
Wenn sich digitale Belastungen nicht vollständig vermeiden lassen: Wie können Unternehmen Arbeit so organisieren, dass Beschäftigte trotzdem gesund bleiben?
André: Zunächst einmal müssen wir akzeptieren, dass es nicht für jedes Problem eine perfekte Lösung gibt. Dann sollten Unternehmen damit aber offen und ehrlich umgehen und das auch gegenüber ihren Beschäftigten klar kommunizieren.
Ein gutes Beispiel liefert die Flugsicherung. Fluglotsinnen und Fluglotsen müssen über einen bestimmten Zeitraum hinweg mit höchster Konzentration und Aufmerksamkeit arbeiten. Fehler können dort unmittelbar Menschenleben gefährden. Deshalb sind verbindliche Regenerationsphasen fest in den Arbeitsablauf integriert.
Dabei gibt es keine Ausnahmen – unabhängig davon, wie viele Kolleginnen oder Kollegen verfügbar sind oder wie hoch die aktuelle Belastung ist. Die Regeneration wird als notwendige Voraussetzung dafür behandelt, die geforderte Leistung überhaupt zuverlässig erbringen zu können.
Natürlich arbeitet nicht jeder Mensch in der Flugsicherung. Das Prinzip lässt sich aber auf andere Tätigkeiten übertragen: Wenn Arbeitgeber von ihren Beschäftigten dauerhaft hochkonzentrierte Leistungen erwarten, müssen sie auch entsprechende Erholungszeiten ermöglichen.
Die gesetzlich vorgesehenen Pausen reichen dafür häufig nicht aus. Sie decken oftmals gerade die grundlegenden Bedürfnisse wie Essen und Toilettengänge ab. Für echte mentale Erholung bleibt dabei kaum Raum.
Angesichts der hohen Informationsdichte, der ständigen Unterbrechungen und der wachsenden Belastung durch digitale Arbeit müssen Unternehmen deshalb mehr Regeneration in den Arbeitsalltag integrieren. Erholung darf nicht erst nach Feierabend beginnen, sondern muss ein Bestandteil der Arbeitsorganisation sein.
Was raten Sie Unternehmen, die feststellen, dass Beschäftigte unter digitalem Stress leiden und aktiv gegensteuern möchten?
André: Der erste Schritt ist aus meiner Sicht, die Erholungskompetenz der Beschäftigten zu stärken. Viele Menschen wissen grundsätzlich, was gesund ist. Sie wissen aber oft nicht, wie sie im Alltag tatsächlich regenerieren können. Das haben wir bereits in einer früheren Studie zum Phänomen der „Leisure Sickness“ gesehen. Gerade jüngere Beschäftigte und Auszubildende bringen häufig nur wenig Gesundheits- und Erholungskompetenz mit. Hier sollten Unternehmen gezielt ansetzen und gemeinsam trainieren, wie gesunde Erholung im Arbeitsalltag aussehen kann.
Mindestens genauso wichtig ist die Rolle der Führungskräfte. Ich erzähle beispielsweise ganz offen, dass ich fast jeden Tag einen Mittagsschlaf mache. Darauf bekomme ich selten die Reaktion: „Wie gut, dass Sie auf Ihre Erholung achten.“ Stattdessen höre ich häufig: „Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.“ Genau daran erkennt man, dass wir kulturell noch weit davon entfernt sind, Erholung als selbstverständlichen Teil eines produktiven Arbeitstags zu akzeptieren.
Wir sprechen inzwischen relativ offen über Stress. Worüber wir kaum sprechen, ist Erholung. Führungskräfte erzählen selten, wann sie bewusst eine Pause machen, spazieren gehen oder sich Zeit nehmen, um neue Energie zu tanken. Solange Präsenz, Überstunden und permanente Erreichbarkeit als Zeichen besonderer Leistungsbereitschaft gelten, wird sich die Unternehmenskultur nur schwer verändern.
Kortsch: Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass Führungskräfte häufig selbst besonders stark belastet sind. Sie vermitteln zwischen Geschäftsleitung und Beschäftigten, tragen zusätzliche Verantwortung und arbeiten deshalb oft weit über die reguläre Arbeitszeit hinaus.
In unseren Trainings erleben wir immer wieder, wie erleichtert Führungskräfte und Beschäftigte sind, wenn sie feststellen, dass sie mit ihren Belastungen nicht allein sind. Das Thema ist weit verbreitet, wird aber häufig noch tabuisiert. Viele glauben, sie müssten mit der Informationsflut einfach klarkommen.
„Gesunde Arbeit ist längst ein Wettbewerbsvorteil“
Lässt sich eine stärkere Erholungskultur auch wirtschaftlich begründen?
Kortsch: Ja, durchaus. Es gibt inzwischen zahlreiche Erfahrungsberichte und Studien, die zeigen, dass mehr Erholungszeit nicht automatisch zu geringerer Produktivität führt – häufig ist sogar das Gegenteil der Fall. Gerade bei wissensintensiver und informationsreicher Arbeit steigt oft die Leistungsfähigkeit, wenn Menschen sich ausreichend regenerieren können.
Ich habe kürzlich mit einem Handwerksbetrieb gesprochen, der aus gesundheitlichen Gründen neue Arbeitsmodelle eingeführt hat. Die Erfahrungen waren ausgesprochen positiv. Interessant war vor allem, dass selbst die Kundinnen und Kunden dafür großes Verständnis hatten.
Heute bewirbt sich dort eine wachsende Zahl von Fachkräften – nicht wegen höherer Gehälter, sondern weil sich herumgesprochen hat, dass Gesundheit im Unternehmen einen hohen Stellenwert besitzt. Das zeigt: Eine gesundheitsorientierte Unternehmenskultur ist längst auch ein wichtiges Argument in Sachen Employer Branding.
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