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„Ein KI-Agent ist wie ein neuer Kollege“

width="1024" height="576" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px">Matthias Patzak, Executive in Residence bei AWS: Für den echten Sprung zur Transformation fehlen den Mitarbeitern oft technisches Werkzeugwissen und soziale Kompetenzen im Umgang mit KI.AWS



Obwohl laut einer aktuellen AWS-Studie 63 Prozent der deutschen Unternehmen bereits KI nutzen, stagniert die tiefgreifende Transformation. Viele Projekte verharren auf dem Niveau einfacher Chatbots. Mit Matthias Patzak, Executive in Residence bei AWS und ehemaliger CTO bei Autoscout24, haben wir in einem Interview am Rande der GITEX AI Europe geklärt:




warum echte KI-Transformation vor allem eine Frage von Führungskompetenz und Kultur ist,



wie agentische KI die Produktivität revolutioniert und



warum scheiternde Pilotprojekte zum R&D-Prozess dazugehören.




“Ich warne vor Fatalismus“



Herr Patzak, die aktuelle AWS-Studie „Erschließung des KI-Potenzials in Deutschland 2026“ zeigt ein paradoxes Bild: Zwar setzen mittlerweile 63 Prozent der deutschen Unternehmen KI ein – ein deutlicher Anstieg zum Vorjahr –, aber nur noch 15 Prozent nutzen diese für wirklich transformative Anwendungsfälle. Woran liegt es, dass die Skalierung von Pilotprojekten in der Praxis so stark stockt?



Matthias Patzak: Zunächst einmal sehe ich die 63 Prozent extrem positiv und überraschend hoch. KI ist eine extrem junge Technologie. Vergleicht man dies mit früheren Technologie-Einführungen, befinden wir uns in einer absolut normalen und gesunden Adaptionskurve. Der scheinbare Rückgang beim transformativen Anteil von 21 auf 15 Prozent erklärt sich auch durch den massiven Zustrom neuer Anwender, die verständlicherweise auf Basisniveau einsteigen.



Viele Unternehmen lizensieren derzeit Standard-Chatbots „von der Stange“. Diese nutzen jedoch weder unternehmenseigene Daten, noch sind sie tief in die Kernprozesse integriert. Für den echten Sprung zur Transformation fehlen den Mitarbeitern oft zwei Dinge: technisches Werkzeugwissen und – was völlig unterschätzt wird – soziale Kompetenzen im Umgang mit KI.



Hinzu kommt ein ganz pragmatischer Ressourcenmangel: Laut Studie haben 39 Prozent der Unternehmen überhaupt kein dediziertes KI-Budget eingeplant. Ohne finanzielle Leitplanken fehlt Projekten von vornherein die Luft für den Rollout.



Als weiteres Hindernis wird im deutschen IT-Sektor oft die Bürokratie genannt. Wie stark bremst die Regulierung die Innovationen aus?



Patzak: Das Ergebnis der Studie hat mich selbst überrascht. Ganze 44 Prozent der IT-Ressourcen in deutschen Unternehmen müssen aktuell für die Erfüllung nationaler und internationaler Regularien aufgewendet werden – im europäischen Durchschnitt sind es 42 Prozent. Das ist kein rein deutsches Phänomen, aber ein enormer Block. Unternehmen wollen verständlicherweise alles richtig machen, investieren viel Zeit in Rechtsberatung und Governance. Das bindet Kapazitäten, die in der Entwicklung fehlen.



Trotzdem warne ich vor Fatalismus. Wenn Projekte im Sande verlaufen, ist das kein generelles Scheitern, sondern Teil einer gesunden Forschungs- und Entwicklungsphase (R&D). Als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt müssen wir diese Neugier und eine kontrollierte Fehlerkultur wieder fest in unseren Führungsetagen verankern.



“Jeder Mitarbeiter, der Agenten steuert, wird zur Führungskraft“



Laut Studie haben erst 22 Prozent der Firmen überhaupt von Agenten-gestützter KI, neudeutsch Agentic AI, gehört, lediglich vier Prozent haben sie vollständig implementiert. Gleichzeitig berichten diese wenigen Vorreiter von massiven Produktivitätssteigerungen und Umsatzwachstum. Wie bewerten Sie dieses Potenzial?



Patzak: Das Potenzial für den deutschen Mittelstand und die Industrie ist sehr groß. Ein KI-Agent generiert nicht nur Content oder fasst E-Mails zusammen, sondern er erledigt eigenständig komplexe, mehrstufige Aufgaben innerhalb einer definierten Wertschöpfungskette. Dadurch wird plötzlich jeder Mitarbeiter, der Agenten steuert, quasi zu einer Führungskraft. Man muss dem System Ziele vorgeben, Leitplanken setzen und festlegen, wann es den Fall an den Menschen eskalieren muss.



Ein alarmierendes Ergebnis der Studie besagt, dass 42 Prozent der deutschen KI-Startups erwägen, Europa den Rücken zu kehren – meist wegen fehlendem Risikokapital, Talentmangel und Regulierung. Müssen wir uns auf einen „Braindrain“ einstellen?



Patzak: Man muss diese Zahlen dialektisch lesen. Ja, 42 Prozent blicken aufgrund von Skalierungshürden und globalen Marktchancen ins Ausland. Getreu dem Motto „des Nachbars Gras ist immer grüner“ hofft man im Ausland oft auf geringere Betriebskosten oder flexiblere Regulierung, was sich in der Realität nicht immer einstellt.



Gleichzeitig sagen aber 33 Prozent der Startups ganz klar: Wir bleiben hier. Sie schätzen die etablierte B2B-Kundenbasis, das stabile politische Umfeld, Spitzenuniversitäten und ein hervorragendes lokales Ökosystem. Es kommt stark auf das Geschäftsmodell an: Ein reines B2C-Digitalprodukt muss extrem schnell global skalieren. Im stark ausgeprägten deutschen B2B-Sektor hingegen ist die räumliche Nähe zu den Industrie- und Mittelstandskunden ein unschätzbarer Vorteil. Beide Wege sind legitim, und AWS unterstützt Gründer über Programme wie AWS Activate gezielt dabei, direkt aus Standorten wie Berlin heraus global zu skalieren.



Die neue Rolle des CIOs: Vom Feature-Lieferanten zum Value-Treiber



Sie waren selbst langjähriger CTO bei AutoScout24 sowie Managing Director bei HSE und haben dort massive Cloud- und Agile-Transformationen verantwortet. Wie müssen sich die Rolle des CIOs/CTOs und die IT-Organisation in den kommenden drei bis fünf Jahren verändern?



Patzak: Das Postulat, dass IT und Business gleichberechtigte Partner auf Augenhöhe sein müssen, lese ich in der COMPUTERWOCHE wahrscheinlich schon seit 2010 als wiederkehrendes Mantra. Aber durch generative und agentische KI wird es jetzt zur Existenzfrage. Ein IT-Leiter darf nicht mehr daran gemessen werden, wie viele Features seine Abteilung pro Quartal „über den Zaun wirft“. Die entscheidenden Kennzahlen eines modernen CIOs müssen geschäftsorientierte Kernzahlen sein: Wie entwickelt sich der Kundennutzen? Wie stark optimieren wir die operative Marge durch Automatisierung?



Jeder Akteur in der IT-Wertschöpfungskette muss das Business und das Kundenproblem verstehen. Da Low-Code- und Generative-AI-Tools die rein technische Hürde der Softwareentwicklung massiv senken, verschiebt sich der Fokus des IT-Managers komplett auf Wertschöpfung, Governance und die Befähigung der Organisation. Wer diesen Shift verpasst, wird im internationalen Wettbewerb Marktteilnehmern abgehängt. (mb)