Hier erodiert die KI-Produktivität
Ob aus individuellen KI-Produktivitätsgewinnen auch eine performantere Organisation entsteht, hängt maßgeblich von der Gestaltung durch das Management ab.Gorodenkoff | shutterstock.com
Die Debatte über (generative) künstliche Intelligenz (KI) fokussiert sich meist auf die Produktivität des Einzelnen – und die Zahlen hierzu sind bemerkenswert. So zeigte ein großangelegtes Feldexperiment der Harvard Business School in Zusammenarbeit mit der Boston Consulting Group, dass der Einsatz generativer KI bei Wissensaufgaben sowohl die Ergebnisqualität als auch die Bearbeitungsgeschwindigkeit signifikant verbessert. Dabei ist der Nivellierungseffekt besonders beachtlich:
Während erfahrene Fachkräfte ihre Leistung um rund 17 Prozent steigerten,
lagen die Verbesserungen bei den schwächeren Teilnehmern bei über 40 Prozent.
Diese individuellen Produktivitätsgewinne übertragen sich jedoch nicht automatisch in gleichem Maße auf die Organisationsebene. Unternehmen schaffen nicht bloß durch die isolierte Performance Einzelner Wert, sondern vor allem durch die Fähigkeit, Wissen zu bündeln, komplexe Entscheidungen zu treffen und gemeinsam Innovationen hervorzubringen.
Wenn jedes Teammitglied zunehmend mit seinem eigenen KI-Assistenten interagiert, kann dies die Kernmechanismen erfolgreicher Zusammenarbeit beeinträchtigen. Die entscheidende Herausforderung besteht somit darin, den Zuwachs an individueller Produktivität in eine echte organisatorische Leistungssteigerung zu übersetzen.
3 Produktivitäts-Bruchstellen im KI-Zeitalter
Ob aus temporären Effizienzgewinnen nachhaltige Wettbewerbsvorteile entstehen, hängt deshalb maßgeblich davon ab, wie Führungskräfte die folgenden drei Bruchstellen gestalten, die aufeinander aufbauen. Diese repräsentieren jene organisatorischen Übergänge, an denen individuelle Produktivitätsgewinne durch KI in kollektive Leistungsnachteile umschlagen können – wenn sie nicht aktiv gestaltet werden.
1. Bruchstelle: Wissenssicherung
Der Weg zur Seniorität folgte lange einer stabilen Logik: Operative Erfahrung führte zu Expertise, diese wiederum zu Einfluss. Wer über mehr Wissen verfügte, übernahm komplexere Aufgaben und wurde zur zentralen Orientierungsperson im Team. Generative KI bricht diese Logik auf, da weniger erfahrene Mitarbeitende mithilfe von KI-Tools heute Analysen, Konzepte und Problemlösungen in hoher Qualität erstellen können. Ein Teil des traditionellen Wissensvorsprungs erfahrener Kräfte verliert dadurch seine Exklusivität.
Auf diese Weise gerät ein impliziter Erfolgsfaktor von Organisationen ins Wanken: der organische Wissenstransfer. Bislang floss Wissen primär über erfahrene Kräfte, was Mentoring und kollektives Lernen quasi „nebenbei“ sicherstellte. Fällt dieser Austausch weg, weil Aufgaben isoliert im Dialog mit der KI gelöst werden, besteht das Risiko eines doppelten Kompetenzverlusts:
Beschäftigte in Junior-Rollen können mithilfe von KI überzeugende Ergebnisse liefern, ohne den zugrundeliegenden Lösungsweg vollständig verstehen zu müssen. Der Lerneffekt wird dadurch reduziert und die Fähigkeit zur eigenständigen Problemlösung sowie zur kritischen Validierung der KI-Ergebnisse eingeschränkt. Die Folge ist eine wachsende, unkritische Abhängigkeit von der Technologie.
Erfahrene Fachkräfte laufen Gefahr, zur rein reaktiven Korrekturinstanz von KI-Ergebnissen zu werden. Ihre Erfahrung fließt dann nicht mehr aktiv in die Gestaltung ein, sondern beschränkt sich zunehmend auf die nachträgliche Qualitätskontrolle. Mögliche Folgen sind Motivationsverlust, mentaler Rückzug der Leistungsträger und der schleichende Verlust des in der Organisation vorhandenen Erfahrungswissens.
Um diesen doppelten Kompetenzverlust zu verhindern, müssen Führungskräfte den Rollenwandel der Seniorität aktiv gestalten. Künftig sollte sich diese nicht mehr primär über exklusives Fachwissen definieren, sondern über die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen, Zusammenhänge einzuordnen und Teams bei der kritischen Bewertung von KI-Ergebnissen anzuleiten. Diese Begleitung kann nicht erst im Rahmen der abschließenden Qualitätskontrolle erfolgen, sondern muss bereits während der Arbeit mit KI ansetzen.
Ziel ist es, Wissen, Erfahrungswerte und Kontext kontinuierlich zu vermitteln, die Urteilskraft der Junioren gezielt zu entwickeln und sie schrittweise zu einer eigenständigen Validierung und reflektierten Nutzung von KI-Ergebnissen zu befähigen.Gelingt dieser Rollenwandel nicht, können Teams zwar kurzfristig ihre individuelle Produktivität steigern, verlieren jedoch zunehmend das gemeinsame Verständnis für fachliche Zusammenhänge und den organisatorischen Kontext.
Die durch KI erzielten Produktivitätsgewinne können dann durch Fehlentscheidungen, steigenden Korrekturaufwand und einen schleichenden Qualitätsverlust auf Teamebene wieder aufgezehrt werden. Ohne die systematische Sicherung von Erfahrungswissen zu agieren, heißt, teure Fehler zu produzieren – nur deutlich schneller.
2. Bruchstelle: Qualitätssicherung
Die Herausforderung endet jedoch nicht bei der Wissenssicherung. Sie betrifft im nächsten Schritt auch die Art und Weise, wie Teams die Qualität ihrer Entscheidungen absichern, wenn ein wachsender Teil der Analyse-, Bewertungs- und Wissensarbeit durch KI unterstützt wird. Je mehr Vorarbeit KI übernimmt, desto stärker hängt die Qualität organisatorischer Entscheidungen davon ab, die generierten Ergebnisse kritisch zu überprüfen und einzuordnen.
Eine Besonderheit generativer KI besteht darin, dass ihre Leistungsfähigkeit keiner intuitiven Logik folgt. Die eingangs zitierte Studie beschreibt dieses Phänomen als „Jagged Technological Frontier“: KI-Systeme können bei bestimmten Aufgaben eine Performance auf Expertenniveau erreichen, während sie bei scheinbar ähnlichen Fragestellungen überraschend große Schwächen aufweisen. Die Grenzen dieser Leistungsfähigkeit sind jedoch nicht für jeden Nutzer ohne weiteres erkennbar.
Genau daraus entstehen neue Herausforderungen für Führungskräfte: Mit der Integration von KI in den Arbeitsalltag steigt das Risiko des sogenannten “Automation Bias” (PDF), also der Tendenz, algorithmischen Empfehlungen unkritisch zu vertrauen. Die Gefahr liegt dabei selten in offensichtlichen Fehlern, sondern in plausiblen (aber falschen) Antworten, die überzeugend formuliert sind und deshalb ungeprüft übernommen werden.
Zudem greift ein Beschleunigungseffekt: KI verkürzt den Weg von der Fragestellung bis zum Ergebnis erheblich und damit auch jene Diskussionen, mit denen Teams bislang die Qualität ihrer Entscheidungen abgesichert haben. Wo früher Analysen debattiert und Annahmen abgewogen wurden, liegt heute in Sekunden ein Resultat vor. Das eigentliche Risiko liegt dabei darin, dass Ergebnisse schneller entstehen als sie kritisch überprüft werden können. So ist es möglich, dass Produktivitätsgewinne mit einem Verlust an Ergebnisqualität einhergehen.
Führungskräfte sollten daher Strukturen schaffen, die den Einsatz von KI transparent gestalten und Ergebnisse offen zur Diskussion stellen. KI-generierte Inhalte müssen denselben kritischen Maßstäben unterworfen werden wie die Arbeit eines erfahrenen Teammitglieds. Dazu benötigen Teams Validierungskompetenz, eine Verantwortungskultur und etablierte Prüfprozesse. Die entscheidende Frage sollte daher nicht sein, ob ein Ergebnis vom Menschen oder der Maschine stammt. Sondern, wer dieses auf fachliche Korrektheit überprüft und die Verantwortung für die darauf basierende Entscheidung übernimmt.
KI steigert zwar die Geschwindigkeit – das wird jedoch erst dann zum echten Wettbewerbsvorteil, wenn es mit Urteilskraft und gelebter Accountability einhergeht.
3. Bruchstelle: Innovationssicherung
Wie zuvor beschrieben, kann der Einsatz generativer KI gemeinsame Diskussionen verkürzen, was wiederum die Innovationskraft des Unternehmens belasten kann. KI liefert dabei nicht nur einen ersten Lösungsvorschlag, sondern erhöht zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass sich Teams früh auf eine gemeinsame Richtung festlegen. Echte Innovationen entstehen jedoch selten durch schnelle Einigkeit: Sie entstehen durch produktive Reibung, tiefgehende Debatten und dadurch, etablierte Denkmuster zu hinterfragen.
Ein wesentlicher psychologischer Mechanismus dieser frühen Konvergenz ist der sogenannte Ankereffekt: Da KI in Sekundenschnelle plausible Ergebnisse liefert, wirkt dieser erste Entwurf als kognitiver Anker. Das menschliche Gehirn orientiert sich somit unbewusst an diesem Startpunkt, was den Suchraum für alternative Lösungen vorzeitig verengt und so die Innovationsfähigkeit schwächen kann.
Führungskräfte stehen deshalb vor der zusätzlichen Aufgabe, produktiven Widerspruch bewusst zu organisieren. Kritische Rückfragen und konträre Sichtweisen sind das notwendige Gegengewicht zur KI-generierten Konvergenz. Und: Organisationen verlieren selten ihre Innovationskraft, weil ihnen Antworten fehlen. Vielmehr, weil sie aufhören, Alternativen ernsthaft zu diskutieren. Eine höhere Geschwindigkeit im Lösungsprozess führt daher nicht automatisch zu höherer Innovationsfähigkeit.
Entscheidend ist, dass Organisationen weiterhin Räume schaffen, in denen unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen, bestehende Annahmen hinterfragt werden und neue Ideen entstehen können. Mit anderen Worten: KI erzeugt Konvergenz, Innovation braucht Divergenz.
KI schafft eine neue Realität
Diese drei Bruchstellen verdeutlichen, dass generative KI nicht nur Arbeitsprozesse, sondern auch die Grundlagen organisationaler Leistungsfähigkeit grundlegend verändern kann. Wissen entsteht anders, Entscheidungen werden anders getroffen und Innovation entwickelt sich unter veränderten Voraussetzungen.
Je stärker KI in den Arbeitsalltag integriert wird, desto entscheidender wird es, die genannten Bruchstellen bewusst zu gestalten. Der nachhaltige Nutzen von KI entsteht nicht allein durch den Einsatz der Technologie, sondern durch die Fähigkeit einer Organisation, ihre Strukturen, Lernprozesse und Entscheidungsmechanismen an diese neue Realität anzupassen. (fm)
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