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Visual Studio Code droht an KI zu ersticken

>Wenn der „Wutball“ zum neuen Standard-“Add-On” für Visual Studio Code mutiert…Apichart Poemchawalit | shutterstock.com



Liebe Microsoft-Entscheider,



Ich möchte keine Hassliebe zu Visual Studio Code (VS Code) entwickeln. Aber ihr macht es mir wirklich schwer. Früher war VS Code einfach nur ein Editor, den man mit Hilfe von Add-Ons genau so konfiguriert hat, wie man es brauchte oder wollte. Deshalb habe ich das Tool bisher auch wirklich gerne für diverse Dev-Aufgaben in unterschiedlichen Programmiersprachen genutzt. Zum Beispiel, um:




mit Extensions einen Python-Workflow aufzusetzen, der Datenbankfunktionen erschließt,



eine Umgebung für das digitale Publishing von Büchern zu erstellen, oder



ein Screenwriting-Projekt einzurichten.




Natürlich geht all das auch noch heute. Aber: Buchstäblich jede neue Funktion in Visual Studio Code dreht sich heute nur noch um ein Thema: KI. Das hat inzwischen Ausmaße angenommen, angesichts derer ich mir die Frage stelle, ob in Eurem Unternehmen überhaupt noch jemand am eigentlichen Editor arbeitet.



Die Release-Notes zu VS Code 1.127 sind ein gutes Beispiel: Abgesehen von einer Funktion, dreht sich auch hier alles nur um Agenten und Large Language Models (LLMs). Gleiches gilt auch für die Vorgängerversion. Der Trend ist klar erkennbar: VS Code entwickelt sich rasant weiter, vor allem in Richtung Frontend für Agenten. Alles andere scheint erst einmal nachrangig.



Manche mögen argumentieren, dass Microsofts Dev-Tool inzwischen so ausgereift ist, dass es an den Kernfunktionalitäten nicht mehr viel zu optimieren gibt – weshalb der Fokus nun eben vor allem darauf liegt, neue Nutzer über den KI-Trend anzuziehen. Das ist allerdings kein Grund dafür, dass all diese KI-Funktionen auf IDE-Ebene integriert werden müssen. Meiner Meinung nach sollte Euer Fokus eher darauf liegen, die native Erweiterbarkeit von VS Code zu fördern – statt keinen Stein auf dem anderen zu lassen, nur um KI-Funktionen zu nativen Elementen zu machen.



Im Grunde geht es Euch in meinen Augen vor allem darum, Visual Studio Code zum ersten Anlaufpunkt für KI zu machen – insbesondere für GitHub Copilot. Allerdings rückt so aus meiner Perspektive die Entwicklererfahrung zugunsten der Allgegenwärtigkeit von KI in den Hintergrund. Wenn Ihr wirklich glaubt, dass jeder User von VS Code ein „Agentic Development Environment“ (ADE) einer IDE vorzieht, liegt Ihr in meinen Augen völlig falsch.



KI-Tools werden zwar nicht wieder verschwinden. Ich glaube aber durchaus, dass es künftig zu einer Konsolidierung kommen wird. Frontier-Modelle, die alles können und noch sechs weitere Features obendrauf packen, werden sich bald nur noch für große Anbieter lohnen, die ein Netz aus API-„Mautstellen“ darum herum errichten – und genug Geld haben, um entsprechende Rechenzentren zu betreiben.



Der allgemeine Trend geht bei KI eher hin zu kleineren, lokal gehosteten Modellen, die spezialisierte Tasks bewältigen – und mit deutlich weniger Aufwand zu trainieren, bereitzustellen und zu betreiben sind. Es macht also echt wenig Sinn, das Pferd hinter den Karren zu spannen – wie bei den nativen KI-Funktionen von VS Code.



Gleichzeitig habe ich die Hoffnung, dass es nicht mehr so lange dauert, bis die KI-Funktionen wieder aus Visual Studio Code herausgelöst und in ein Add-On verfrachtet werden. Bis es so weit ist, bleibt mir wohl nur, mich damit abzufinden, dass mein Lieblings-Editor zunehmend mit KI-Funktionen vollgestopft wird – ganz gleich, ob sie für meinen Anwendungsfall überhaupt Sinn machen oder nicht. Immerhin ist es (noch) möglich, das ganze KI-Zeug in VS Code zu deaktivieren.



Während ich diesen Text hier schreibe, habe ich gerade das Update auf VS Code 1.128 erhalten. Das enthält eine nutzwertige Funktion, die ich sicher oft nutzen werde: die Möglichkeit, Tastatur-Shortcuts auf Betriebssystemebene einzurichten. Ansonsten dreht sich auch bei diesem Update alles nur um eines: KI.



Besinnt Euch darauf, was Visual Studio Code groß gemacht hat – ansonsten riskiert Ihr auf lange Sicht, Benutzer zu verlieren.



Liebe Grüße,



ein genervter Visual-Studio-Code-Poweruser.



Dieser Artikel ist im Original bei unserer Schwesterpublikation Infoworld.com erschienen.