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7 Wege, Risk Assessments an die Wand zu fahren

Wenn das Risk Assessment zu kurz greift, ist guter Rat teuer.Raushan_films | shutterstock.com



Ein Cyber Risk Assessment unterstützt dabei, potenzielle Bedrohungen und Schwachstellen für wichtige digitale und physische Unternehmens-Assets zu identifizieren, zu bewerten und zu priorisieren. Trotzdem stolpern in diesem Zusammenhang immer noch viele CISOs und Sicherheitsentscheider über Fallstricke, die sie daran hindern, ihre Risk-Assessment-Ziele vollumfänglich zu erreichen.



Welche das konkret sind und wie man sie gewissenhaft meidet, haben wir im Gespräch mit Security-Experten herausgefunden.



1. Einfach nur abhaken



Die wohl größte Falle im Zusammenhang mit Risk Assessments besteht darin, diese als Checkliste zu behandeln – statt als Entscheidungshilfe, die mit realem Business Impact oder Threat-Szenarien verknüpft ist. Shirsendu Mondal, Security-Forscher an der University of North Carolina, klärt auf: „Wenn sich Ihre Risikobewertung nur noch darum dreht, irgendwelche Kästchen abzuhaken, verlieren Sie die Fähigkeit, die tatsächlichen Risiken einer Umgebung zu Tage zu fördern. Das Ziel eines solchen Assessments sollte jedoch sein, aufzudecken, an welchen Stellen tatsächlich eine Gefährdungslage besteht.“ 



Der beste Weg, diese „Selbstzufriedenheits“-Falle zu umgehen, besteht laut dem Forscher darin, einen kontextorientierten Ansatz zu fahren: „Fragen Sie konkret danach, wo sich die betreffende Ressource befindet, wer darauf zugreifen kann, welche Daten sie berührt, wie wichtig sie für den Betrieb ist und was passiert, wenn sie ausfällt. Risiken sollten stets mit den geschäftlichen Auswirkungen korreliert werden – nicht bloß mit technischen Erkenntnissen.“



Eben, weil Risiken seiner Ansicht nach mehr sind als nur technische Probleme, empfiehlt Mondal Security-Entscheidern, andere Führungskräfte aus dem Unternehmen in das Security-Gefüge zu integrieren – etwa aus der IT und dem Betrieb.



2. Ergebnisse schönreden



Besonders in schwierigen Zeiten ist es das A und O, den Stakeholdern (und sich selbst) gegenüber ehrlich zu sein. Diese Auffassung vertritt auch Pablo Riboldi, CISO beim Softwareunternehmen BairesDev: „Wenn die Ergebnisse entmutigend sind, sollte man einfach zugeben, dass sich die Bedrohungslage deutlich schneller entwickelt hat, als über das bisherige Bewertungs-Framework abzusehen war.“



Anstatt einfach nur Schwachstellen-Listen zu übergeben, rät Riboldi dazu, konkrete Angriffsszenarien abzubilden: „Zum Beispiel, indem Sie die drei kritischsten Assets priorisieren und ein eingehendes Risk Assessment durchführen. So lässt sich auch ein unmittelbarer Mehrwert demonstrieren.“



3. Scope falsch einschätzen



Nicht wenige CISOs sichern Dokumentenkontrollen ab, haken Compliance-Checkboxen ab und erstellen ein Risikoregister, das den Eindruck vermittelt, dass alles in Ordnung ist. Der Schein trügt jedoch des Öfteren, wie Denis Calderone, CTO beim Sicherheitsdienstleister Suzu Labs, aus eigener Erfahrung weiß: „In solchen Fällen kommt es nicht selten vor, dass sich niemand die Mühe gemacht hat, zu testen, ob diese Kontrollen tatsächlich funktionieren. Oder, ob der Scope der Risikobewertung auch das abdeckt, worauf es wirklich ankommt.“



Der Technologieentscheider hat dazu auch ein Beispiel aus der Praxis auf Lager: „Wenn das Risk Assessment die Produktionsserver und das Unternehmensnetzwerk umfasst, der alte Dev-Rechner, ein Drittanbieter-Portal oder ein verwaister API-Endpunkt dabei aber außen vor bleiben, ist das ungünstig. Angreifer betrachten die gesamte Umgebung und finden genau den Einstiegspunkt, der zuvor als nicht bewertungswürdig erachtet wurde.“



Künstliche Intelligenz (KI) verschlimmere die Situation laut Calderone noch: Unternehmen setzten vielfach KI-Tools ein, verknüpften diese mit internen Systemen und gewährten ihnen Zugriff auf sensible Daten – ohne dass das in die Risikobewertung einfließe. Der Experte warnt: „Wenn Ihr Risk Assessment aufgesetzt wurde, bevor Ihr Unternehmen damit begonnen hat, KI in Workflows zu integrieren, ist es bereits veraltet.“



4. Annahmen nicht hinterfragen



Wenn sich die Zielsetzung einer Risikobewertung in Richtung „Hauptsache bestanden“ verschiebt, stellt das vielleicht Auditoren zufrieden. Die Unternehmensleitung könnte dadurch jedoch in die Irre geführt werden, wie Amit Basu, CIO und CISO beim Schifffahrtsunternehmen International Seaways, erklärt: „Führungskräfte und Vorstandsmitglieder sehen ein fertiges Risikoregister und gehen davon aus, dass das Unternehmen geschützt ist. Unterdessen bleiben echte Bedrohungen unberücksichtigt, weil sie nicht nahtlos in den Bewertungsrahmen passten. Dieser Fallstrick ist unsichtbar – er verbirgt sich hinter einem Dashboard.“



Nach Ansicht von Basu ist ein Risk Assessment nur so gut, wie die ihm zugrundeliegenden Annahmen: „Diese sollten Sie explizit dokumentieren und immer dann überprüfen, wenn sich das Business verändert, eine Bedrohungslage verschiebt oder ein Sicherheitsvorfall eine Lücke zu Tage fördert.“



Ein Risk Assessment, so der CISO, sei nicht als fertiges Produkt zu betrachten, sondern als lebendiger Beitrag zu einem fortlaufenden Dialog zwischen Security-Abteilung und Unternehmen.



5. Risiken nicht mit Impact verknüpfen



Probleme in den Hintergrund zu rücken oder herunterzuspielen, fällt deutlich leichter, wenn man den Zusammenhang zwischen Risiko und Business einfach ausblendet. Das erkennt auch Dan Moore, Senior Director of Strategy and Identity Standards beim CIAM-Spezialisten FusionAuth, an. Er warnt jedoch vor den Folgen dieses Gebarens: „So wird es sich diffizil gestalten, tatsächliche Risiken zu kommunizieren. Schlimmer noch: Es liefert den Mitgliedern des Security-Teams einen Vorwand, sich darüber zu beschweren, dass sie missverstanden oder nicht wertgeschätzt werden – und das beeinträchtigt die Effektivität des Teams.“



Der Manager erachtet es als wichtig, stattdessen konkret zu sein und zielgerichtet vorzugehen: „Verzichten Sie auf Angaben wie eine Patch-Compliance von 95 Prozent. Sprechen Sie stattdessen über das Risiko, das nicht gepatchte Systeme für das Unternehmen darstellen.“



Dabei seien manchen Systemen – etwa Legacy-Konstrukten, die nicht mit dem Internet verbunden sind – geringere Risiken inhärent als anderen, selbst wenn sie dieselben Patch-Probleme aufwiesen, meint Moore und empfiehlt, diese Tatsache anzuerkennen und die Reaktion entsprechend abzuwägen.  



6. Compliance mit Security verwechseln



„Compliance allein ist weder ein Garant für robuste Security, noch erfüllt sie die Mindestanforderungen für einen wirksamen Schutz“, hält Adriel Desautels, CEO der Security-Beratung Netragard, fest.



Unternehmen gerieten demnach besonders oft in diese Falle, wenn sie für Penetrationstests externe Firmen beauftragten, die sich auf Compliance konzentrieren und gleichzeitig „erstklassige Dienstleistungen“ versprechen. „In Wahrheit liefern diese oft automatisierte Scans, die als manuelle Tests getarnt sind“, meint Desautels.



Das Ergebnis sei ein falsches Sicherheitsgefühl, warnt der Manager: „Vergegenwärtigen Sie sich einfach, dass bei jedem größeren Sicherheitsvorfall der letzten zehn Jahre eine Organisation beteiligt war, die zum Zeitpunkt des Angriffs alle Compliance-Vorgaben erfüllt hatte.“



7. Risiken nicht vollständig verstehen



Unternehmen betrachten Risk Assessments oft als eine Art „Schwachstellenkatalogisierung“, bei der es darum geht, Lücken zu finden, Schweregrade zu erfassen und Audits zu bestehen. Letzteres heißt allerdings nicht, dass die Risiken auch verstanden wurden.



Geht es nach Safi Raza, Senior Director for Cybersecurity bei Fusion Risk Management, sollten sich CISOs darauf konzentrieren, technische Risikosignale mit betrieblichen Folgen zu verknüpfen: „Dazu muss man verstehen, welche Services betroffen sind, wie sich Störungen ausbreiten und was das für den Umsatz, die Kunden oder regulatorische Verpflichtungen bedeutet.“



Der Experte rät in diesem Zusammenhang dazu, zunächst von statischen Bewertungen zu einer kontinuierlichen, kontextbezogenen Risikotransparenz überzugehen, um sicherzustellen, dass Risiken nicht nur technisch verstanden werden.“ (fm)



Dieser Artikel ist im Original bei unserer Schwesterpublikation CSOonline.com erschienen.