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Das nächste Killer-Feature für KI

>Ist KI-Absenz der künftige Garant für Wachstum?charles taylor | shutterstock.com



In diversen Tech-Echokammern (inklusive der „Thought Leader“, die LinkedIn täglich mit AI Slop zukleistern) wird unter der Ägide von überbegeisterten „Evangelisten“ quasi in einer Endlosschleife über den erstaunlichen „Impact“ von KI auf Gesellschaft und Arbeit schwadroniert. Das Sentiment von Ottonormalbürgern lässt sich im Hinblick auf KI hingegen mit einem Wort zusammenfassen: Burnout. Fast jeder Mensch, mit dem ich zu tun habe – und der kein „Techie“ ist –, reagiert auf die Technologie inzwischen entweder mit einem genervten Augenrollen oder einem (Real-Life-)Facepalm. Der Kontrast zum überschwänglichen Hype könnte nicht größer sein.



Allerdings könnte diese Diskrepanz dafür sorgen, das nächste Killer-Feature für die Technologie zu etablieren: Eine bahnbrechende Funktion, für die sicher viele Benutzer bereitwillig bezahlen würden – die dem Narrativ KI-fixierter Akteure aber leider völlig zuwiderläuft.



Die Ironie der KI



In vielerlei Hinsicht ist Gemini – Googles GenAI-Chatbot und allgemeiner KI-Layer – das neue Google+: Es ist eine Lösung, die nach einem Problem sucht. Niemand verlangt danach und die meisten „normalen“ Nutzer scheinen die Präsenz von Gemini zunehmend als störend und/oder aufdringlich zu empfinden. Dennoch beharrt der Konzern darauf, uns seine KI bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase zu reiben. Mit jeder neuen Woche halten mehr und mehr KI-Elemente in fast jede Google-App und jeden -Dienst Einzug – unabhängig davon, ob sie tatsächlich hilfreich sind. In vielen Fällen sind sie eher unnötig, nutzlos, gruselig oder verursachen reale Probleme.



Das betrifft natürlich nicht nur Google: Ähnliche Szenarien spielen sich derzeit bei praktisch jedem großen und kleinen Tech-Anbieter ab. KI wird in jeden nur erdenklichen Winkel „gestopft“, Hauptsache, die Technologie ist irgendwie integriert. Eine optimale User Experience zu schaffen, ist auf vielen Prioritätenlisten ganz weit nach hinten gerückt – oder ganz unter den Tisch gefallen. Eine Entwicklung, die neuen Raum für ein Premium-Feature schafft: Gar keine KI – beziehungsweise die Möglichkeit, die Technologie bei Bedarf vollständig zu deaktivieren.



Dieser Trend steckt derzeit zwar noch in den Kinderschuhen, ist aber durchaus real, wie das Beispiel von Kagi zeigt. Dieser werbefreie Service mit Datenschutz-Fokus wird schon einige Jahre mit dem Ziel weiterentwickelt, eine tragfähige Alternative zur Google-Suche zu etablieren. Das Offering des Jungunternehmens ist simpel: Gegen eine monatliche Gebühr (ab fünf Dollar) erhalten die Nutzer ein Suchmaschinenerlebnis, das darauf ausgelegt ist, sie weiterzubringen – statt den Interessen von Werbetreibenden und den KI-Initiativen von Unternehmen zu dienen.



Die Suche selbst ist mit Kagi einfach, effektiv und komplett frei von KI-generierten Zusammenfassungen. Das verfängt offensichtlich: Von Ende Juli 2023 bis heute (Stand Juli 2026) hat sich die User-Basis von Kagi mehr als verzehnfacht. Sicher ist das mit Blick auf die globale Tech-Landschaft trotzdem noch ein Nischenphänomen, aber die Nachfrage wächst rasant. Und Kagi ist nicht der einzige Anbieter, der die sich daraus ergebenden Chancen erkannt hat: Praktisch jedes Mal, wenn Google KI noch stärker in seine Suchfunktionen integriert, vermeldet der alternative Suchanbieter DuckDuckGo (bei dem KI ebenfalls optional ist) einen Anstieg seiner Nutzerzahlen.



Wobei die Suche nicht der einzige Bereich ist, in dem sich die Stimmung langsam gegen KI wendet: Ich höre zumindest ständig von Leuten, die zunehmend frustriert sind über die unvermeidliche Integration der Technologie in andere Produktivitäts-Tools – von E-Mail- über Notiz-Apps bis hin zur einfachen Arbeit mit Dokumenten. Ich selbst habe (ironischerweise mit der Unterstützung von Gemini) eine benutzerdefinierte Oberfläche für Google Docs erstellt, um dem KI-Strudel entrinnen zu können. Die Sehnsucht der Benutzer nach praktischen, wirklich nutzwertigen Tools, die KI nicht bloß zum Selbstzweck enthalten, spiegelt sich inzwischen auch zunehmend in Forschungsergebnissen wider: So kommt eine aktuelle Studie von Automattic (dem Unternehmen hinter WordPress) zum Ergebnis, dass 60 Prozent der Befragten KI in der Markenkommunikation eher als „Abturn“ denn als Pluspunkt wahrnehmen.



Anbieter wie Kagi, DuckDuckGo und Co. könnten sich künftig auf KI-freie oder zumindest KI-optionale Alternativen zu Applikationen fokussieren, die mit kontraproduktiven KI-Integrationen überladen sind. Und davon gibt es viele. Die Absenz von KI hat damit gute Chancen, sich zum Treiber neuer, tragfähiger Geschäftsmodelle zu entwickeln. (fm)



Dieser Artikel ist im Original bei unserer Schwesterpublikation Computerworld.com erschienen.