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Wie Deutschland bei der IT den Anschluss verlor

width="1024" height="576" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px">Prof. August-Wilhelm Scheer: “Deutschland hat zu lange auf seine Ingenieurskunst und Hardwarekompetenz gesetzt, während Software, Prozesse und digitale Geschäftsmodelle unterschätzt wurden.” Scheer GmbH



In der aktuellen Folge übt Prof. August-Wilhelm Scheer, der bereits Anfang 2021, in der allerersten TechTalk-Ausgabe, zu Gast war, strenge Kritik: Deutschland habe den Computer mit erfunden, mit Firmen wie Siemens und Nixdorf auch hier gebaut. Aber heute spiele man auf der Angebotsseite eigentlich keine große Rolle mehr. „Wir sind große Anwender, aber wir sind nicht führend in der Entwicklung von Software – und von Hardware ist eigentlich auch nichts mehr geblieben. Wir haben zwar auf der Anwendungssoftware mit der SAP einen großen Erfolg erzielt, auch international. Aber damit ist die Liste dann auch schon fast erschöpft.“



Der Sprung in die Digitalisierung wurde verpasst



Der Wissenschaftler, der selbst mit der Geschäftsprozess-Managementlösung ARIS einen weltweiten Erfolg erzielte, sieht mehrere Ursachen für den Bedeutungsverlust der deutschen IT-Industrie. Deutschland habe zu lange auf seine Ingenieurskunst und Hardwarekompetenz gesetzt, während Software, Prozesse und digitale Geschäftsmodelle unterschätzt wurden.



Auch der Politik wirft Scheer vor, die strategische Bedeutung der Informationstechnik über Jahrzehnte verkannt zu haben – mit Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit zahlreicher Branchen. Wenn er auf Bundesebene angemahnt habe, Deutschland müsse mehr in die Informationstechnik investieren, habe er häufig zu hören bekommen: ‚Wir sind doch Exportweltmeister. Sollen die Amerikaner die ‚Computerei‘ machen – wir bauen die besten Autos und Maschinen‘, so der Professor für Wirtschaftsinformatik.



Ein zentrales Thema der Episode ist außerdem die Erfolgsgeschichte von SAP. Scheer, der selbst rund 20 Jahre im Aufsichtsrat der Walldorfer saß, erläutert, warum ausgerechnet SAP zum weltweit erfolgreichsten deutschen Softwareunternehmen wurde. Entscheidend seien neben einem starken Gründerteam die frühe Standardisierung von Unternehmenssoftware, die enge Zusammenarbeit mit internationalen Beratungshäusern sowie die Fähigkeit gewesen, technologische Umbrüche immer wieder erfolgreich zu meistern.



„Viele IT-Unternehmen bleiben in so einer Mittelmäßigkeit stehen“



Mit Blick auf die Zukunft zeigt sich Scheer trotz aller Kritik vorsichtig optimistisch. Die Bedingungen für Unternehmensgründungen hätten sich in Deutschland deutlich verbessert, das eigentliche Problem beginne jedoch erst nach den ersten Erfolgen. Vielen Softwareunternehmen fehle der Mut zur echten Internationalisierung, während erfolgreiche Start-ups häufig früh von ausländischen Konzernen übernommen würden. Dadurch gingen nicht nur Unternehmen, sondern auch wichtige Innovationsimpulse verloren.



Auch die Debatte um digitale Souveränität bewertet Scheer differenziert. Der Aufbau einer europäischen IT-Infrastruktur sei zwar notwendig und unterstützenswert. Entscheidend sei jedoch, dass Europa nicht nur regulatorisch agiere, sondern wieder selbst wettbewerbsfähige Software und Plattformen entwickle. “Wir sind immer sehr gern in der Schiedsrichterrolle oder sitzen auf der Tribüne und wissen alles besser”, so Prof. Scheer. Im Endeffekt sei entscheidend, auf dem Platz mitzuspielen.



„Als Unternehmer und als Papst hat man keine Altersbegrenzung“



Zum Abschluss spricht der Unternehmer über seine Motivation, auch mit über 80 Jahren weiterzuarbeiten. Unternehmertum sei für ihn die spannendste Form, Ideen umzusetzen und Verantwortung zu übernehmen. Gründerinnen und Gründern rät er, sich nicht vom schnellen Geld oder Investoren treiben zu lassen, sondern nachhaltige Innovationen zu entwickeln und Unternehmen möglichst eigenständig aufzubauen. Auch SAP sei bis zum Börsengang ohne Fremdkapital gewachsen.


Von Ruhestand kein Ton: Prof. Scheer ist außerdem ein begnadeter Bariton-Saxophonist und tritt regelmäßig mit Jazz-Combos auf.Manfred Bremmer/Foundry



Die vollständige Episode von TechTalk – Voice of Digital ist hier oder auf allen gängigen Podcast-Plattformen verfügbar.




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