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Gartner: Agentic AI gefährdet SaaS-Umsätze in Milliardenhöhe

Die Ungewissheit der Marktentwicklung im SaaS-Umfeld beschäftigt nicht nur die Börse. Auch CIOs müssen umdenken und vorsorgen.Gorodenkoff / Shutterstock



KI-Agenten könnten die Geschäftsmodelle klassischer Enterprise-Softwareanbieter grundlegend verändern. Bis 2030 stehen dadurch laut Gartner weltweit bis zu 234 Milliarden Dollar an Ausgaben für Unternehmenslösungen auf dem Spiel. Denn autonome Systeme interagieren zunehmend direkt mit Business-Anwendungen und umgehen dabei menschliche Nutzer.



„Unternehmen kaufen Software künftig nicht mehr in erster Linie für Menschen, sondern zunehmend für KI-Agenten“, erklärt George Brocklehurst, Managing Vice President bei Gartner, im Gespräch mit CIO.com. „Seit Jahrzehnten wird Software nach ihrer Benutzeroberfläche, der User Experience, der Bedienbarkeit, den Workflows und dem Schulungsaufwand bewertet. Wenn KI-Agenten jedoch zu den primären Nutzern werden, verlieren diese Faktoren erheblich an Bedeutung.“



Nach Schätzungen von Gartner werden die gefährdeten Umsätze bis zum Ende des Jahrzehnts rund 20 Prozent der weltweiten Enterprise-SaaS-Ausgaben ausmachen.



“Agentic Arbitrage” verändert den Softwaremarkt



Als Ursache nennt Gartner den Trend zur sogenannten „Agentic Arbitrage“. Gemeint ist der Einsatz von KI-Agenten, die Geschäftsprozesse eigenständig über mehrere Unternehmensanwendungen hinweg ausführen. Dadurch müssen Beschäftigte immer seltener direkt mit den Benutzeroberflächen einzelner Anwendungen arbeiten.



„Agentische KI verändert die Ökonomie von Software“, erklärt Brocklehurst. Diese Systeme übersprängen häufig die klassische Softwareoberfläche und lieferten direkt die gewünschten Ergebnisse. Dadurch werde die bislang enge Verbindung zwischen der Zahl der Anwender und dem Umsatz vieler Softwarehersteller aufgebrochen.



CIOs müssen Software neu bewerten



Für CIOs bedeutet diese Entwicklung laut Brocklehurst ein Umdenken bei der Auswahl und Beschaffung von Unternehmenssoftware.



Statt vor allem auf Benutzerfreundlichkeit und Oberflächendesign zu achten, sollten Unternehmen künftig prüfen, ob KI-Agenten über APIs sämtliche Geschäftsprozesse ausführen können, die bislang über die Benutzeroberfläche von Menschen erledigt werden.



„Entscheidend ist zunächst, ob ein Agent über die API alles – und idealerweise mehr – erledigen kann als ein Mensch über den Bildschirm und ob die Lizenzbedingungen des Herstellers dies überhaupt zulassen“, so Brocklehurst.



Dies verändert auch die Art und Weise, wie Softwareverträge bewertet werden sollten.



„Prüfen Sie die Vertragsbedingungen genauso sorgfältig wie die Technologie selbst“, rät der Gartner-Mann. „Die Lizenzbedingungen vieler Anbieter können die Nutzung durch autonome Systeme Dritter technisch oder finanziell einschränken oder sogar untersagen. CIOs könnten feststellen, dass ihre KI-Strategie nicht an fehlender Technologie scheitert, sondern an Klauseln, die sie bereits unterschrieben haben.“



Sein Rat: Unternehmen sollten bereits heute vertraglich festschreiben, welche Rechte KI-Agenten bei der Nutzung von Unternehmenssoftware erhalten. Viele der heute abgeschlossenen Verträge werden noch gültig sein, wenn Agentic AI im Unternehmensalltag zum Standard geworden ist.



Die Wissenshoheit wird zum nächsten Streitpunkt



Neben APIs und Lizenzbedingungen sollten Unternehmen genau darauf achten, wo das durch KI entstehende operative Wissen gespeichert und genutzt wird, betont Brocklehurst.



Jede Korrektur, jede Ausnahme und jeder Workflow, den ein KI-Agent verarbeitet, erzeuge neues organisatorisches Wissen.



Gartner bezeichnet die Fähigkeit eines Unternehmens, dieses Wissen zu bewahren, als Knowledge Retention Rate (KRR).



„Wenn dieses Wissen in die gemeinsamen Modelle des Softwareanbieters einfließt, verbessert Ihre operative Erfahrung ein Produkt, das auch Ihre Wettbewerber nutzen“, so Brocklehurst. „Die wichtigste Klausel der nächsten Generation von Softwareverträgen lautet daher: Wem gehört das, was das System von Ihnen lernt?“



Nach Einschätzung von Gartner droht Unternehmen eine neue Form des Vendor Lock-in, wenn das im Betrieb gewonnene Wissen beim Softwareanbieter verbleibt statt beim Kunden.



Klassische SaaS-Ökonomie gerät unter Druck



Laut Gartner könnten KI-Agenten, die Aufgaben über mehrere Unternehmensanwendungen hinweg ausführen, die direkte Interaktion der Nutzer mit traditionellen Softwareoberflächen reduzieren. Dadurch würde die seit langem etablierte Verbindung zwischen tatsächlicher Softwarenutzung und nutzerbasierter Lizenzierung (Seat-based Licensing) zunehmend an Bedeutung verlieren.



Gartner empfiehlt etablierten Softwareanbietern deshalb, ihren Mehrwert künftig weniger über Benutzeroberflächen als vielmehr über geschäftliche Ergebnisse (Outcomes) zu definieren. Gleichzeitig sollten sie agentengestützte Funktionen direkt in Geschäftsprozesse integrieren und sicherstellen, dass kundenspezifisches Wissen erhalten bleibt.



Davon könnten KI-native Start-ups und Serviceanbieter gleichermaßen profitieren. Sie haben die Chance, sich als Orchestrierungsebene zu etablieren, die Arbeitsabläufe über mehrere Unternehmensanwendungen hinweg koordiniert.



„Während dieser Wandel eine existenzielle Bedrohung für Anbieter darstellt, die an veralteten Dashboards und nutzerbasierten Modellen festhalten, eröffnet er gleichzeitig erhebliche Umsatzchancen für Unternehmen, die Services und Plattformen für agentengestützte, bereichsübergreifende Workflows entwickeln“, so Brocklehurst.



Governance muss mit autonomen Systemen Schritt halten



Gartner rät CIOs außerdem, Governance-Strukturen aufzubauen, bevor autonome KI-Agenten zum Standard werden.



„Autonomie sollte niemals stillschweigend oder uneinheitlich vergeben werden“, betont Brocklehurst. Unternehmen sollten die Autonomie von Agenten als explizite Governance-Entscheidung behandeln und dabei festlegen, wo Agenten unabhängig agieren dürfen, wer diese Entscheidungen genehmigt und wie häufig diese Berechtigungen überprüft werden sollten.



„Unternehmen, die diese Fähigkeiten bereits heute entwickeln, werden schneller und zugleich sicherer handeln können, wenn die Technologie den nächsten Reifegrad erreicht“, so der Gartner-Analyst.



Obwohl Gartner den Wandel als eine Neudefinition der seit Jahren diskutierten „Saaspocalypse“ beschreibt, erwartet Brocklehurst keineswegs das Ende von Software-as-a-Service.



„Das ist weniger eine Apokalypse als vielmehr eine Metamorphose“, erklärt er. „SaaS wird nicht verschwinden – nur in einer anderen Form weiterbestehen.“ (mb)



Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag von CIO.com.