Nextcloud-CEO: Open Source verlässt die „Nerd-Nische“
width="1024" height="683" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px">Nextcloud-CEO Frank KarlitschekNextcloud
Angesichts der politischen und handelspolitischen Spannungen ist die digitale Souveränität – einst ein eher randständiges Thema – zu einer der wichtigsten Prioritäten für europäische Organisationen geworden. Der verstärkte Einsatz von Open-Source-Software ist dabei ein wesentlicher Teil der Lösung, da er eine Alternative zu proprietären Plattformen einer Handvoll großer US-Anbieter bietet.
Diese Ansicht vertritt Frank Karlitschek, CEO von Nextcloud, dem deutschen Softwareunternehmen, das sich als Open-Source-Alternative zu Software-Suiten von Microsoft und Google positioniert.
Auf dem Nextcloud Summit in München sprach die Computerworld mit Karlitschek über die Dynamik rund um digitale Souveränität, die Vorschläge der Europäischen Kommission im Rahmen des „Tech Sovereignty Package“ und die zukünftige Entwicklung von Nextcloud.
„Das Interesse an Open Source wächst kontinuierlich“
Als Nextcloud gegründet wurde, gab es in Europa einen starken Trend weg von On-Premises-Software hin zu US-amerikanischen Cloud-Anbietern. Wie haben sich die Einstellung gegenüber Open Source und das Bewusstsein für alternative Anbieter seitdem verändert?
Frank Karlitschek: Ich beschäftige mich seit den 1990er-Jahren mit Open Source. Damals war das vor allem ein Thema für eine kleine Gruppe von Nerds – Menschen, denen Software und Kontrolle darüber wirklich wichtig waren. Der Gedanke der Souveränität war dabei schon immer zentral. Genau darum geht es bei Open Source: Man kann verstehen, was die Software tut, sie überall einsetzen, untersuchen und verändern.
Damals war das sehr nischig, aber seitdem wächst das Interesse kontinuierlich. Es gab einige Schlüsselmomente, die das Wachstum beschleunigt haben, beispielsweise die Snowden-Enthüllungen, die Diskussionen um die DSGVO und bestimmte gesetzliche Regelungen. Und dann natürlich die aktuelle geopolitische Lage.
Ich persönlich finde es interessant, dass sich das Thema, das einst eher für Softwareentwickler interessant war, zu einem geopolitischen Thema entwickelt hat. Heute treffe ich hochrangige Politiker, denen das Thema mittlerweile sehr am Herzen liegt. Es wird nicht unbedingt Mainstream, aber immer mehr Menschen verstehen die Bedeutung.
Hat sich auch die Gesprächsebene verändert?
Karlitschek: Zu Beginn von Nextcloud sprachen wir hauptsächlich mit IT-Managern, die nach einer Lösung suchten. Sie interessieren sich dafür, wie es funktioniert, für den Preis und technische Aspekte.
Heute sprechen wir zunehmend auch mit Führungskräften auf C-Level. Das Thema ist Teil der Unternehmensstrategie geworden. Die Unternehmen fragen sich: Welche Abhängigkeiten haben wir? Welche Lösung passt langfristig zur Strategie des Unternehmens?
Früher war Software eher eine austauschbare Ware. Heute ist sie ein strategischer Faktor für Unternehmen. Das finde ich sehr interessant.
In den letzten Jahren gab es großes Interesse am Thema digitale Souveränität. Inwieweit schlägt sich dies in konkreten Migrationen weg von US-amerikanischen Cloud-Anbietern nieder?
Karlitschek: Das Interesse ist riesig. Alle reden darüber, viele Menschen und Organisationen kommen auf uns zu. Allerdings setzen noch nicht alle entsprechende Maßnahmen um – viele erkunden zunächst die Optionen.
Natürlich hoffen wir, dass daraus in den nächsten Monaten konkrete Projekte entstehen. Momentan wird noch viel diskutiert und analysiert. Unser Kundenstamm wächst bereits stark, aber das Interesse ist im Verteidigungsbereich, im Bildungswesen sowie in regulierten Märkten wie dem Gesundheitswesen oder dem Finanzsektor noch deutlich größer.
Ist die Nachfrage nach souveräner Technologie aus Ihrer Sicht nur eine Reaktion auf die aktuelle geopolitische Situation oder handelt es sich um einen langfristigen strukturellen Wandel?
Karlitschek: Ich halte es für einen langfristigen Trend. In den 1990er-Jahren war IT für viele Unternehmen noch etwas Nebensächliches. Wichtig war nur, dass Drucker und Faxgeräte funktionierten. Strategisch war das Thema kaum relevant.
Dann kam um das Jahr 2000 der große Cloud-Trend. Das Versprechen lautete immer: Auslagern spart Geld.
Heute erkennen Unternehmen, dass IT nicht einfach ignoriert werden kann. Ich glaube nicht, dass alles wieder zurück ins eigene Rechenzentrum wandert. Aber die Menschen kümmern sich wieder stärker darum. Sie verstehen, dass IT nicht einfach wie Wasser oder Strom aus der Steckdose kommt.
Themen wie Vendor Lock-in, Kosten, Industriespionage und Wettbewerbsfähigkeit spielen eine große Rolle. Mit Open Source ist man flexibler. Deshalb wird die strategische Bedeutung dieses Themas weiter zunehmen.
“Gültigkeit für ein Prozent des Marktes ist zu wenig”
Die Europäische Kommission hat kürzlich ihr ‚Tech Sovereignty Package‘ inklusive Open-Source-Strategie veröffentlicht. Reichen diese Vorschläge aus?
Karlitschek: Ich fnde die Vorschläge großartig.Ehrlich gesagt war ich überrascht, dass man so gut zugehört hat. Die eigentliche Herausforderung besteht jetzt darin, die Vorschläge tatsächlich umzusetzen. Die Problembeschreibung und die vorgeschlagenen Lösungen sind sehr gut, aber daraus muss noch verbindliches Recht werden.
Würden Sie vor der Verabschiedung noch Änderungen an den Vorschlägen vornehmen?
Karlitschek: Aktuellgibt es vier Risikostufen. In der höchsten werden nur Open-Source- und europäische Lösungen akzeptiert. Das betrifft aber nur ein Prozent des Marktes. Ich hoffe, dass künftig besser verstanden wird, dass sich mehr als ein Prozent stärker darum kümmern sollte.
Wenn eine Anwendung völlig unkritisch ist und keine personenbezogenen Daten enthält, dann ist es vielleicht völlig in Ordnung, Anbieter außerhalb der EU zu nutzen. Aber sobald Sie Anforderungen der DSGVO, Spionageschutz, keine Anbieterabhängigkeit und so weiter beachten müssen, sollte die höchste Anforderungsstufe deutlich häufiger angewendet werden.
US-Unternehmen versuchen, auf die Bedenken europäischer Kunden einzugehen, etwa mit als „souverän“ vermarkteten Cloud-Diensten und Joint Ventures mit europäischen Anbietern. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen echter Souveränität und Sovereignty Washing?
Karlitschek: Souveränität hat natürlich verschiedene Dimensionen. Betrachtet man jedoch allein das Problem des CLOUD Act, der ausländischen Behörden uneingeschränkten Zugriff auf die Daten hier gewährt, dann reicht es nicht aus, einfach europäische Rechenzentren zu betreiben. Im CLOUD Act steht ausdrücklich, dass die Regelung auch für europäische Rechenzentren oder Tochtergesellschaften gilt.
Microsoft versucht beispielsweise mit seinem Delos-Modell eine Lösung zu finden: Das Unternehmen gehört SAP und Microsoft liefert lediglich die Software. Aber selbst dann besteht diese Abhängigkeit, denn Software benötigt Updates und Sicherheits-Patches. Wenn diese nicht verfügbar sind oder jemand eine Hintertür einbaut, dann haben Sie immer noch ein Problem.
Deshalb bemüht sich Microsoft sehr intensiv um Lösungen, aber das Problem lässt sich nicht leicht umgehen.
“Die Produktstrategie wird sich nicht wesentlich ändern”
Blicken wir auf die Produktstrategie. Wie sieht die Zukunft von Nextcloud aus?
Karlitschek: Die grundlegende Produktstrategie wird sich nicht wesentlich ändern. Unser Ziel bleibt es, eine hochmoderne Kollaborationssoftware anzubieten die Open Source ist – jedoch mit deutlich mehr Kontrolle, Sicherheit und Schutz – und unabhängig davon, wo Sie sie hosten.
Gleichzeitig kommen jetzt neue Faktoren dazu, insbesondere der Einfluss von KI, die wir mit unserer Agentenstrategie nutzen wollen.
In Zukunft werden Sie vielleicht weiterhin eine Oberfläche auf klassische Weise nutzen, indem Sie Dokumente öffnen, Text eingeben und so weiter. Es gibt jedoch auch viele Vorgänge, die in Zukunft mit KI automatisiert werden können.
Ein weiterer Aspekt ist, dass KI die Entwicklung darauf aufbauender kundenspezifischer Software erheblich vereinfacht. Dadurch wird es deutlich mehr maßgeschneiderte Unternehmenssoftware geben.
Das wollen wir mit unserem ISV-Programm nutzen. Die Softwareentwicklung wird einfacher, aber Unternehmen möchten keine beliebige Software einsetzen, sondern etwas, das getestet, zertifiziert und sicher ist und für das jemand verantwortlich ist. Genau das kann Nextcloud bieten. (mb)
Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag der Schwesterpublikation Computerworld.
Hier finden Sie den kompletten Artikel: