IT-Freelancer: Wer jetzt nicht weiterlernt, verliert Projekte
Lebenslanges Lernen ist auch für IT-Freiberufler angesagt, um am Ball zu bleiben.TippaPatt – Shutterstock.com
Der Bitkom hat eine aktuelle Zahl vorgelegt: rund 109.000 unbesetzte IT-Stellen in deutschen Unternehmen. Das ist weniger als in den Rekordjahren 2022 und 2023 mit 137.000, beziehungsweise 149.000 unbesetzten Positionen, bleibt aber der viertgrößte Wert seit Beginn der Erhebung. 85 Prozent der befragten Unternehmen klagen über einen Mangel an IT-Personal, 79 Prozent erwarten eine weitere Verschärfung. Im Durchschnitt dauert es 7,7 Monate, eine freie IT-Stelle zu besetzen.
Diese Zahlen sind kein Hinweis auf einen schwächelnden Markt für externe Expertise. Ganz im Gegenteil, sie deuten darauf hin, dass der richtige Experte oder die passende Spezialistin nicht gefunden werden.
Das wirkt sich auf die Auftragslage von IT-Freiberuflern aus. Bei verhaltenen Konjunkturaussichten werden die vorhandenen Budgets in den Unternehmen noch genauer geprüft. Generalistisches Know-how reicht in vielen Ausschreibungen nicht mehr aus. Gefragt sind spezialisierte Kompetenzen und auch Nachweise zu Cloud-Architekturen, Datenplattformen, Prozessautomatisierung und vor allem die saubere Integration von KI in bestehende Systeme.
Laut Bitkom nutzen inzwischen 41 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten KI aktiv, weitere 48 Prozent planen oder diskutieren den Einsatz. Vor einem Jahr lag der Anteil der Anwender noch bei rund 17 Prozent.
Wer als Externer in ein Projekt geholt wird, soll heute unter Umständen die Lücke füllen, die intern die größten Herausforderungen verursacht. Genau hier zeigt sich das eigentliche Problem. Die Anforderungen an freie IT-Experten verändern sich schneller, als viele im Tagesgeschäft Schritt halten können.
Das Weiterbildungsparadox
Hier besteht dringender Nachholbedarf: Wie eine repräsentative Studie der Bertelsmann Stiftung Ende 2025 ergab, plant nur jeder Zweite, sich in den kommenden zwölf Monaten beruflich weiterzubilden. Damit entfernt sich Deutschland von den Weiterbildungszielen der Europäischen Union. Nach diesen sollten 65 Prozent der Arbeitnehmenden jedes Jahr eine Weiterbildung aufnehmen.
Hinzu kommt ein Altersgefälle: Während sich bei den 25- bis 34-Jährigen 29 Prozent weiterbilden, sind es bei den 55- bis 64-Jährigen nur noch 19 Prozent. Für Angestellte ist diese Lücke schon problematisch. Für Solo-Selbstständige ist sie eine reale Bedrohung des Geschäftsmodells.
Aus meinen Gesprächen mit freiberuflichen IT-Profis kenne ich das Muster gut. Weiterbildung wird verschoben, weil ein laufendes Projekt Priorität hat. Dann kommt das nächste. Und das übernächste. Bis irgendwann die Anfrage kommt, für die das eigene Profil nicht mehr ganz passt. Das Gespür dafür, wann die eigene Expertise zu altern beginnt, geht im operativen Alltag schnell verloren.
Dazu kommen handfeste Hürden: Weiterbildung kostet Zeit, die unmittelbar Umsatz blockiert. Sie kostet Geld, das vorher verdient sein will. Und ihr Nutzen lässt sich vorab schwer beziffern. Drei nachvollziehbare Gründe, sie aufzuschieben und gleichzeitig drei schlechte Gründe, sie nicht anzugehen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Detail aus der Bitkom-Studie: 27 Prozent der im vergangenen Jahr neu besetzten IT-Stellen gingen an Quereinsteiger. Das sind Menschen mit Ausbildungen außerhalb der IT, mit nicht-technischen Studienabschlüssen oder autodidaktisch erworbenem Wissen.
Die Jobplattform Stepstone bestätigt diesen Trend branchenübergreifend: Für 2026 priorisieren 64 Prozent der Unternehmen, gezielt Quereinsteiger einzustellen. 77 Prozent wollen ihre Auswahlkriterien anpassen und Kompetenzen stärker gewichten als formale Abschlüsse. Der Arbeitsmarkt bewegt sich also messbar in Richtung „Skills-based Hiring“.
Was bedeutet das für IT-Freiberufler? Im Kern dasselbe wie für angestellte Quereinsteiger – nur müssen sie den Qualifizierungsprozess komplett selbst organisieren. Die Evidenz dafür, dass sich diese Investition lohnt, ist solide. So hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in mehreren Studien nachgewiesen, dass geförderte Weiterbildungen die Beschäftigungschancen und das Einkommen messbar verbessern.
Eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt – und Berufsforschung (IAB) zeigt beispielsweise, dass Teilnehmende fünf Jahre nach Beginn der Weiterbildung im Durchschnitt 93 Tage länger beschäftigt waren und ihr Einkommen um rund 13 Prozent stärker gestiegen ist als das von vergleichbaren Personen ohne Weiterbildung. Für Selbstständige sind die Effekte naturgemäß schwerer zu quantifizieren, da weniger Studien diese Gruppe explizit untersuchen. Das Muster ist jedoch konsistent: Wer Kompetenzen erweitert, verbessert seine Marktposition.
Was sich konkret ändern muss
Ich plädiere für einen pragmatischen Umgang mit dem Thema. Es geht nicht darum, jedes halbe Jahr ein neues Zertifikat zu sammeln. Es geht um drei Entscheidungen, die jeder IT-Freelancer regelmäßig treffen sollte:
1. Das eigene Leistungsversprechen realistisch betrachten: Welche Kompetenzen werden in zwölf bis 24 Monaten von Kunden tatsächlich nachgefragt? In welchen davon bin ich gut genug aufgestellt, in welchen verlasse ich mich auf Wissen, das schon etwas älter ist? Diese Inventur ersetzt keine Marktforschung, aber sie schafft die Grundlage für jede sinnvolle Lerninvestition. Hilfreich ist dabei der Blick auf die Stellenanzeigen großer Unternehmen und Beratungen. Oder aber man fragt das KI-Modell seiner Wahl: Welche Skills tauchen seit Monaten regelmäßig auf? Genau dort entstehen die Projekte, die in den kommenden Quartalen vergeben werden.
2. Feste Lernzeiten im Kalender: Der Tipp klingt banal, ist aber der Unterschied zwischen Vorsatz und Praxis. Wer Weiterbildung nicht plant wie einen Kundentermin, kommt nicht dazu. Zwei halbe Tage im Monat sind ein guter Startpunkt. Für tiefergehende Qualifizierungen lohnt es sich, Projektpausen bewusst einzuplanen, statt sie als verlorene Zeit zu verbuchen.
3. Die Finanzierung sauber regeln: An dieser Stelle wird oft zu früh aufgegeben. Für Solo-Selbstständige gibt es das Förderprogramm KOMPASS des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, kofinanziert über den Europäischen Sozialfonds Plus. Bis zu 90 Prozent der Weiterbildungskosten werden erstattet, maximal 4.500 Euro pro Person und Jahr.
Voraussetzung ist unter anderem, dass man seit mindestens zwei Jahren hauptberuflich und mit maximal einem Vollzeitäquivalent an Beschäftigten selbstständig tätig ist. Die Qualifizierung muss mindestens 20 Stunden umfassen und innerhalb von sechs Monaten abgeschlossen sein. Es empfiehlt sich hierbei ein Angebot von einem nach AZAV zertifizierten Anbieter zu nutzen, um die Qualität gesichert zu bekommen.
Eine Einschränkung gehört zur Ehrlichkeit dazu: Das Programm ist so stark nachgefragt, dass die Erstberatung in den bundesweit rund 30 Anlaufstellen seit März 2026 zeitweise ausgesetzt wurde, um bereits laufende Anträge sauber abzuarbeiten. Auch die Ausgabe neuer Qualifizierungsschecks wird bundesweit zwischen Mai und Oktober 2026 begrenzt.
Warum das auch ein wirtschaftspolitisches Thema ist
Solo-Selbstständige sind kein Randphänomen der Digitalwirtschaft. Sie schließen spezialisierte Lücken in Projekten, beschleunigen Transformation und tragen messbar zur Innovationsfähigkeit von Unternehmen bei. Wenn ihre Qualifikation stagniert, bremst das Wertschöpfungsketten, die ohnehin unter Druck stehen. Die jüngste Bitkom-Erhebung zur Digitalisierung zeigt: 78 Prozent der Unternehmen halten die aktuelle Wirtschaftskrise auch für eine Krise zögerlicher Digitalisierung. Und ein Drittel berichtet, dass KI-Projekte deutlich teurer geworden sind, als ursprünglich erwartet. Beides verweist auf denselben Engpass: zu wenige Menschen, die ihre Werkzeuge wirklich beherrschen.
Förderprogramme wie KOMPASS sind deshalb mehr als ein finanzieller Zuschuss. Sie sind ein Signal, dass diese Berufsgruppe wirtschaftspolitisch ernst genommen wird. Was sie nicht leisten können: die strategische Entscheidung, in welche Kompetenzen jemand investiert. Diese Entscheidung bleibt am Schreibtisch der Selbstständigen liegen. (mb)
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