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Lego macht Ihrer Transformation Beine

Lego ist nicht nur pädagogisch sondern auch strategisch wertvoll, wie unsere Expertin aus eigener Erfahrung weiß.John Grummit | shutterstock.com



Letztens war ich auf dem Weg zur Hannover Messe – mit einem Koffer voller Lego. Meine Mission: Einen Workshop abzuhalten, der vermittelt, wie Neugier wieder zurück in Teams kommt. Noch vor Messebeginn rief mich dann meine Steuerberaterin an, um sich zu erkundigen, ob ich beim Einreichen meiner Belege einen Fehler gemacht hatte. Sie ist zwar ein absoluter Profi in ihrem Bereich, hatte Lego als Arbeitsmittel aber schlicht nicht auf dem Schirm.



Das verleitete mich zu einem kurzen Schmunzeln, denn ich ernte immer wieder verwunderte Blicke, wenn ich erläutere, dass ich Lego nicht für mein Kind kaufe, sondern für meine Arbeit in komplexen Transformationsfeldern. In Sachen anfänglicher Skepsis bilden auch meine Lego-Serious-Play-Seminare selbst keine Ausnahme. Sätze wie „Was sollen die Leute denken, wenn wir mit Lego spielen, anstatt ernsthaft an unseren Themen zu arbeiten?“, höre ich immer wieder. Meine Einschätzung dazu: Wir verbieten uns oft Dinge, die vermeintlich Spaß machen und nehmen uns damit Chancen – meistens genau die, die wir am dringendsten wahrnehmen sollten.



Schließlich sieht die Welt nach ein paar Stunden typischem Workshop ganz anders aus: Dann stehen auf dem Tisch Lego-Modelle, die zeigen,




warum ein Projekt feststeckt,



wo Verantwortlichkeiten ins Leere laufen, und



welche Spannungen ein Team lähmen.




So kann Lego Dinge zutage fördern, die zuvor in zwölf Status-Meetings nie zur Sprache kamen. Plötzlich werden Probleme sicht- und diskutierbar. Lego selbst stellt dabei kein Risiko dar – im Gegensatz zu oft eingefahrenen Routinen. In diesem Beitrag möchte ich meine Erfahrungen aus mehr als 300 Transformations- und Co-Creation-Workshops mit Führungskräften aus diversen Branchen und Unternehmenstypen mit Ihnen teilen.



Gängige Meeting-Blockaden



Ich erlebe in meiner Arbeit mit CIOs und Transformationsteams immer wieder dasselbe: Die meisten Organisationen haben nicht zu wenige Meetings. Nur erzeugen diese allzu oft keine nachhaltige Wirkung: Es wird diskutiert, priorisiert, abgestimmt. Roadmaps entstehen, Governance-Strukturen werden aufgebaut, Maßnahmenpläne geschrieben. Trotzdem bleibt ein großer Teil der Transformationen hinter den eigenen Erwartungen zurück. So hat etwa Bain & Company in einer globalen Befragung von mehr als 400 Topmanagern ermittelt, dass lediglich zwölf Prozent ihre Transformationsprogramme vollständig erfolgreich abschließen.



In diesem Zusammenhang beobachte ich regelmäßig, dass die entscheidenden Fragen in klassischen Formaten nicht bearbeitet werden. Dazu zählen beispielsweise:




Was ist das eigentliche Problem, nicht das Symptom?



Wo entstehen Reibungsverluste zwischen Bereichen?



Wer zieht tatsächlich nicht mit, und warum?




In Status-Meetings und Abstimmungsschleifen ist für diese Fragen strukturell kein Raum vorgesehen. Zudem ist es oft auch einfach unbequem, die eigentlichen Ursachen zu identifizieren.



Stattdessen dominieren oft die Lautesten – und Hierarchien beeinflussen, was gesagt wird. Das führt dazu, dass Priorisierungskonflikte unausgesprochen bleiben und komplexe Zusammenhänge vereinfacht werden, bis sie handhabbar wirken. Die daraus resultierenden, wirkungslosen Veränderungen machen Mitarbeitende auf Dauer müde, wie eine aktuelle Studie der TU Dresden zeigt. Demnach leidet von 2.800 deutschen Studienteilnehmern rund ein Drittel unter „Change Fatigue“.



Wie Lego Serious Play hilft



Ein Lego-Serious-Play-Seminar kann in solchen Situationen Wunder wirken. Doch der Reihe nach: Lego Serious Play ist eine Methode, die Ende der 1990er-Jahre entstand – als die Lego Group selbst in einer existenziellen Krise steckte. Kjeld Kirk Kristiansen (CEO der Lego Group von 1979 bis 2004) suchte damals gemeinsam mit Forschern des IMD Lausanne nach einem Strategieprozess für echte Unsicherheit. Das Ergebnis war ein Prozess auf Basis des Hand-Hirn-Prinzips: Körperliches Bauen aktiviert beide Gehirnhälften gleichzeitig und erschließt Wissen, das verbale Kommunikation allein nicht erreicht.



Was mich an der Entstehung bis heute fasziniert: Lego hat in dieser Krise genau das getan, was ich von Organisationen in Transformationen verlange. Sie haben ihre Kernkompetenz – Steine, Bauen, Modelle – in einen völlig neuen Kontext übertragen. Ganz ohne Branchendenken und selbst gesetzter Hürden („Das machen wir nicht“). Der Konzern stellte sich einfach nur die Frage, wie sich seine Kernkompetenz an dieser Stelle gewinnbringend einsetzen lässt.


Lego Serious Play ist weit mehr als „spielen“.Jörg Langer | SchwarzWeissOnline



Entsprechend setzt Lego Serious Play als Methode auch nicht beim Reden an, sondern beim Denken. Teilnehmende bauen individuelle Modelle für Herausforderungen, Ziele, Blockaden oder Zukunftsbilder. Und sie geben diesen Modellen Bedeutung – über Geschichten, die erklären, was ein Stein repräsentiert, was eine Verbindung bedeutet, wo eine Lücke entstanden ist. Das Resultat ist kein weiteres Foliendeck, sondern ein Bild, das die Denkweise von Menschen repräsentiert. Wenn daraus ein Gruppenmodell wird, entscheidet das Team gemeinsam, was ins Zielbild aufgenommen wird: Es wird geprüft, ob sich das Gesamtbild für alle stimmig anfühlt. Und es wird offen diskutiert, was nicht passt und was stört. Das senkt das Konfliktpotenzial deutlich, weil über das Modell gesprochen wird – nicht über Personen.



Ich habe selten erlebt, dass Transformationen an fehlender Kompetenz scheitern. Häufiger gehe sie daran zugrunde, dass kluge Menschen systematisch aneinander vorbeiarbeiten – weil jeder nur den Ausschnitt sieht, den sein Bereich ihm zeigt. Wenn diese Ausschnitte als Modelle auf einem Tisch stehen und verbunden werden, entsteht etwas, das in der Diskussion nie entstanden wäre: ein geteiltes Bild der Wirklichkeit. Dieses ermöglicht Teams, zu erkennen, wo Abhängigkeiten liegen und welche Symptome auf tieferliegende Ursachen hinweisen. Die Umsetzungsgeschwindigkeit steigt, weil endlich am richtigen Problem gearbeitet wird.


In Lego-Serious-Play-Seminaren werden sämtliche Perspektiven berücksichtigt.Jörg Langer | SchwarzWeissOnline



In vielen traditionellen Workshop-Formaten setzen sich erfahrungsgemäß nicht die besten Ideen durch, sondern die ranghöchsten oder lautesten. Diese Dynamik verändert sich mit Lego Serious Play strukturell: Jede Person baut und erklärt ihr Modell. Jede Perspektive hat Bestand, unabhängig von Hierarchie oder Redezeit. Wer relevantes Wissen in operativen Rollen lässt, weil es im klassischen Format keinen Platz findet, trifft Entscheidungen auf Basis eines unvollständigen Bildes.



Die IT denkt in Systemen, die Fachbereiche in Prozessen, die Führung in Zielen. Wenn diese Gruppen gemeinsam ein Systemmodell bauen, bemerken sie, wo ihre Bilder auseinandergehen. Diese Erkenntnis ist die Voraussetzung für strategische Handlungsfähigkeit. Und dann ist da noch der Widerstand. Dieser ist ein Signal, kein Problem. Er zeigt, dass etwas Wichtiges noch nicht gesagt wurde. Über Modelle lässt sich genau das ans Licht bringen. Verantwortungslücken und Verlustangst bekommen eine Plattform. Was sichtbar wird, kann bearbeitet werden.



Besonders deutlich erlebe ich das in Situationen, in denen sich ein Projektteam im Kreis dreht. Wenn alle reden, nichts vorankommt und das Problem sich nicht greifen lässt. In solchen Momenten bleibt häufig etwas unausgesprochen, das trotzdem alle spüren: Erschöpfung, die dadurch entsteht, dass dasselbe Problem immer wieder auf dieselbe Weise angegangen wird. Die Lego-Steine sind dabei nur das Werkzeug. Was bleibt, sind die Gespräche, die ohne sie nicht entstanden wären. Entscheidungen, die auf diesem Fundament entstehen, wirken nachhaltiger als die, die auf konsensfähigen Folien beschlossen wurden.



Was Kinder können – und Organisationen verlernt haben



Kinder bauen, testen, verwerfen, probieren neu. Erwachsene präsentieren lieber früh eine scheinbar fertige Lösung. Genau dort beginnt in vielen Organisationen das Problem. Kinder fragen auch nach dem Warum – ohne Angst vor der Antwort. Neugierig zu bleiben, Fehler als Information zu lesen und Dinge einfach auszuprobieren – das ist keine Naivität, sondern eine Fähigkeit. Und zwar genau die, die Organisationen in kritischen Transformationsmomenten bräuchten.



Das DIPF (Leibniz-Institut für Bildungsforschung) hat dokumentiert, dass die spezifische Neugier von Kindern bereits mit dem Schulbeginn nachlässt, wenn Lernen durch Leistungserwartung ersetzt wird. In Organisationen läuft derselbe Prozess ab, nur langsamer und unsichtbarer: Routinen entstehen. Hierarchien vermindern Fragen. Meetings werden zu Formaten, in denen Positionen verteidigt statt Hypothesen getestet werden. Wer lange in diesem Modus arbeitet, verliert die Fähigkeit, Dinge wirklich anders zu denken. Die Neugierde ist zwar nicht verschwunden, wird jedoch mit der Zeit zunehmend überlagert. Durch Erfahrungen, Systeme und Kulturen, die uns gelehrt haben, dass Unsicherheit erklärt werden muss und dass ein unfertiger Gedanke kein guter Gedanke ist. Lego Serious Play kann den Raum schaffen, in dem dieser Zustand temporär zurückkommt. Und das reicht oft bereits, um etwas ins Rollen zu bringen.



Für mich ist Lego Serious Play sowohl ein eigenständiges Workshop-Format als auch ein fester Bestandteil meiner Vorgehensweise in komplexen Transformationen. Der Unterschied liegt nicht in der Methode, sondern in der Frage, was die Situation braucht. Die stärkste Wirkung zeigt sich meiner Erfahrung nach dort, wo der Widerstand am größten ist: Bei Kunden, die spüren, dass sie ausbrechen müssten – aus eingefahrenen Diskussionsmustern, Silodenken oder der Gewohnheit, dieselben Fragen immer auf dieselbe Weise zu stellen. Aber eine Abwehrhaltung gegen ungewohnte Formate an den Tag legen. Wer festsitzt und das nicht einmal mehr merkt, braucht einen anderen Einstieg.



Lego Serious Play ist eine Möglichkeit, Strukturen aufzubrechen, Ungesagtem Raum zu geben und Neues anzustoßen. Wenn ein Team dabei auch noch in Bewegung kommt und feststellt, dass Zusammenarbeit auch anders funktionieren kann, zahlt das zudem langfristig auf eine positive Energie und Stimmung aus. Die Frage ist somit nicht, ob Lego (Serious Play) seriös genug für Transformationen ist. Eher, ob die bisherigen Formate wirksam genug sind. (fm)



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