SAP stellt das „Autonomous Enterprise“ vor
width="1024" height="576" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px">Für SAP-CEO Christian Klein ist das autonome Unternehmen keine ferne Zukunftsvision mehr.SAP
Während KI längst im Alltag angekommen ist, gelten im Unternehmensumfeld ganz andere Maßstäbe. SAP-CEO Christian Klein veranschaulichte das in seiner Keynote mit einem einfachen, aber treffenden Beispiel: „Wenn eine KI-generierte Zeichnung eines Einhorns versehentlich drei Ohren hat, sind 80 Prozent Genauigkeit völlig ausreichend. Im Business-Kontext dagegen reicht das nicht aus. Wenn KI-Agenten Gehaltsabrechnungen, Finanzabschlüsse oder die Planung von Lieferketten übernehmen sollen, müssen die Ergebnisse deutlich präziser sein.“
Die eigentliche Herausforderung liege aber tiefer, führte er aus. Large Language Models (LLMs) seien hervorragend für Aufgaben geeignet, die auf öffentlich verfügbaren Daten trainiert wurden – etwa Schreiben, Programmieren oder Bildgenerierung. Was ihnen jedoch fehle, sei das Verständnis für proprietäre Unternehmensdaten, Geschäftsprozesse und Governance-Anforderungen.
Der Grund dafür sei klar, so Klein: Keines dieser Modelle wurde auf den spezifischen Geschäftsprozessen oder Unternehmensdaten eines Kunden trainiert. Ebenso halten sie sich nicht automatisch an Sicherheits-, Compliance- oder Berechtigungskonzepte.
Business AI Platform
SAPs Antwort auf diese Herausforderung ist die auf der Sapphire vorgestellte SAP Business AI Platform. Die Plattform steht laut Klein für „ein neues SAP“, weil sie Large Language Models mit 50 Jahren Business-Expertise verbinde, die in den ERP-Systemen des Unternehmens verankert seien. Im Prinzip handelt es sich bei der Business AI Platform um eine Kombination von SAPs Business Technology Platform (BTP), der im Februar 2025 vorgestellten Business Data Cloud und SAP Business AI in einer einzigen, geregelten Umgebung. Im Zentrum der Plattform steht ein umfangreicher Context Layer, der ERP-Domänenwissen über Knowledge Graphs direkt in die KI-Agenten integriert. Die Agenten arbeiten dadurch nicht isoliert, sondern erhalten gewissermaßen eine Landkarte, um die richtigen Prozesse und Daten innerhalb der ERP-Landschaft zu finden.
Hinzu kommt der sogenannte Build-Layer mit Joule Studio 2.0. Die neue Entwicklungsumgebung für KI-Agenten basiert dabei auf einem Intent-basierten Ansatz: Sie versteht zunächst die geschäftliche Herausforderung und verknüpft diese direkt mit Unternehmensdaten und Prozesswissen. Wie in einer Live-Demo gezeigt wurde, agiert das System dabei weniger wie ein klassisches Tool, sondern eher wie ein Kollege, der aktiv Rückfragen stellt und kritische Punkte hinterfragt. Gleichzeitig kann der Entwickler in jeder Phase den Code einsehen und Änderungen vornehmen.
Als Governance Layer fungiert der AI Agent Hub auf Basis von SAP LeanIX. Diese zentrale Steuerungsplattform ermöglicht es Unternehmen, SAP- und Non-SAP-Agenten, MCP-Server sowie weitere KI-Komponenten über die gesamte Systemlandschaft hinweg zu verwalten und zu überwachen.
SAP Autonomous Suite
Aufbauend auf dieser Basis stellt SAP zudem die SAP Autonomous Suite vor. Dem Unternehmen zufolge sind die primären Geschäftsanwendungen von SAP damit zum ersten Mal darauf ausgelegt, Prozesse selbständig auszuführen, anstatt lediglich die Ergebnisse menschlicher Arbeit zu erfassen. Die Suite umfasst mehr als 50 domänenspezifische Joule-Assistenten in den Bereichen Finance, Supply Chain, Procurement, HR und Kundenbindung. Diese Assistenten automatisieren End-to-End-Prozesse, indem sie eine Untergruppe von über 200 spezialisierten Joule-Agenten koordinieren, um präzise Aufgaben auszuführen.
Als Beispiel verwies SAP auf den Finance Close Assistant, der komplexe Finanzabschlussprozesse mithilfe von KI und Company Memory automatisiert. In einer Demo zeigte SAP, wie das System Abschlussprozesse über zwölf rechtliche Einheiten, vier ERP-Systeme und sechs Währungen hinweg koordinierte. KI-Agenten übernahmen dabei Abstimmungen, Rückstellungen und Intercompany-Transaktionen – Aufgaben, die bislang oft wochenlange manuelle Arbeit erforderten.
Apropos Company Memory: Bei dieser Neuvorstellung handelt es sich um einen Knowledge Management Layer, der auf derselben Grundlage wie SAP Signavio aufbaut und dadurch laut SAP bereits ein natives Verständnis von Prozessmodellen und Prozessanalysen besitzt. Diese Ebene erfasst organisatorisches Wissen wie Richtlinien, Prozesse, Entscheidungsmuster und Ausnahmeregelungen und stellt es KI-Agenten zur Verfügung. Während die Agenten arbeiten, extrahieren sie sogenannte „Process Patterns“ – kleine strukturierte Einheiten von Prozesswissen. Diese Muster helfen den Agenten dabei zu verstehen, worauf sie achten müssen, welche Schritte sie ausführen sollen und – ebenso wichtig – welche Aktionen sie vermeiden müssen.
Industry AI
SAP sah in seinen branchenspezifischen Lösungen schon immer einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil – und spielt ihn auch im KI-Zeitalter aus. Das Unternehmen kündigte auf der Sapphire Industry-AI-Lösungen für 26 verschiedene Branchen an. Dabei werden branchenspezifische Prozesslogiken, Datenkontexte und regulatorische Anforderungen direkt in individuelle KI-gestützte Lösungen integriert, die speziell auf das jeweilige Kerngeschäft zugeschnitten sind.
Ein Beispiel dafür, wie das in der Praxis aussieht, ist die Modekette H&M.; In einer Live-Demo zeigte die scheidende Chief Digital und Information Officer Ellen Svanström auf, wie die SAP-basierte Store-Intelligence-App ein besseres Verständnis des Geschäfts auf Basis von Online-Feedback und Echtzeitdaten ermöglicht. Dabei empfehlen KI-Agenten in Echtzeit optimale Produktplatzierungen und Merchandising-Maßnahmen in den Filialen.
Svanström zufolge entwickelt H&M; darüber hinaus auch einen KI-gestützten Store-Concierge-Agenten, der das Online- und Filialerlebnis zu einer durchgängigen personalisierten Customer Experience verbinden soll. Kunden erhielten dabei Outfit-Empfehlungen, Informationen zur Echtzeit-Verfügbarkeit von Produkten sowie kontextbezogene Beratung direkt während des Einkaufs.
H&M-CDIO; Ellen Svanström präsentiert die SAP-basierte Store-Intelligence-AppSAP
Joule Work und Studio
Aber auch an die Benutzererfahrung von SAP-Anwendern haben die Walldorfer gedacht – mit Joule Work. Der app-lose, beziehungsweise „headless“ Experience Layer definiert laut SAP die Art und Weise neu, wie Benutzer mit SAP-Software interagieren: Anstatt durch klassische Anwendungen zu navigieren und Daten über mehrere Bildschirme hinweg einzugeben, interagieren diese nun direkt und ausschließlich in kontextbasierten Spaces.
Um das zu erreichen, koordiniert Joule Work nach der Beschreibung eines gewünschten Geschäftsergebnisses die passende Kombination aus Workflows, Daten und Agenten. Die Lösung wird auf Desktop- und Mobilgeräten sowie per Sprachsteuerung über SAP- und Nicht-SAP-Systeme hinweg verfügbar sein. Als Desktop-App kann Joule Work dabei auch auf lokale Daten und Anwendungen zugreifen. Es kann Nutzer außerdem dabei unterstützen, tägliche Aufgaben auf ihrem Rechner zu delegieren – etwa die Analyse von Daten und Dokumenten, die Recherche in Dateien und E-Mails oder das Erstellen von Dokumenten auf Basis vorhandener Quelldaten.
Über Joule Work erhalten Kunden außerdem Zugriff auf die Lösung Joule Studio, mit der sich individuelle KI-Agenten entwickeln lassen. Diese nutzen das Model Context Protocol (MCP) sowie das Agent2Agent-Protokoll (A2A), um auf Werkzeuge und Agenten von Drittanbietern zuzugreifen. SAP kündigte an, die bidirektionalen A2A-Funktionen von Joule künftig weiter auszubauen. Dadurch könnten externe Agenten sicher mit Joule-Agenten interagieren und direkt innerhalb von Unternehmensprozessen agieren.
„Das autonome Unternehmen startet jetzt“
Zum Abschluss des eineinhalbstündigen Produktfeuerwerks warf SAP-CEO Klein noch einen Blick in die Zukunft. Für ihn markiert die Entwicklung hin zum autonomen Unternehmen das Ende vieler Prozesse, die heute noch Zeit, Ressourcen und Energie binden – lange Verhandlungen, Störungen in Lieferketten, manuelle Zeiterfassung, fehlende Transparenz in Finanzprozessen oder schlicht permanente Überlastung im Arbeitsalltag.
Gleichzeitig sei dies der Beginn einer neuen Phase: einer Arbeitswelt, in der KI nicht Menschen ersetzt, sondern sie entlastet und stärkt. Im Zentrum dieser Vision stünden KI-Agenten, die Routineaufgaben, komplexe Abstimmungen und Compliance-kritische Prozesse autonom übernehmen. Dadurch sollen Mitarbeitende mehr Freiraum gewinnen, um sich auf strategische Entscheidungen, Innovationen und zwischenmenschliche Zusammenarbeit zu konzentrieren. „Das autonome Unternehmen ist keine ferne Zukunftsvision mehr – sondern beginnt jetzt“, schloss Klein ab.
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