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Industrie 4.0 – mit humanoiden Robotern in die nächste Runde?

Vorreiter wie Mercedes oder BMW haben humanoide Roboter bereits im EinsatzHill



Vor 15 Jahren wurde Industrie 4.0 (I4.0) in Deutschland als Bezeichnung für die intelligente Vernetzung von Maschinen und Abläufen in der Industrie ins Leben gerufen. Und heute? Aus Sicht von Bitkom-Vizepräsidentin Tanja Rückert ist Industrie 4.0 mittlerweile voll und ganz in der Produktion angekommen.



Das bestätigen auch die Ergebnisse einer Bitkom-Umfrage im Vorfeld der Hannover Messe Industrie (HMI): Für fast alle der 555 befragten Industrieunternehmen (94 Prozent) ist Industrie 4.0 sehr wichtig oder gar unverzichtbar, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Gleichzeitig setzen 97 Prozent mindestens eine Anwendung dieser Kategorie ein.



„Ein massives Industrie-4.0-Upgrade“



„Industrie 4.0 ist kein Technologietrend, sondern die Basis für internationale Wettbewerbsfähigkeit“, erklärt die hauptberuflich bei Bosch für den Bereich Digital Business and Services zuständige Geschäftsführerin. „Mit KI und künftig humanoiden Robotern erhält Industrie 4.0 ein massives Upgrade, die digitale Transformation der deutschen Industrie geht mit KI in die nächste Runde.“



Soweit die Theorie. Wie die Umfrage des Bitkom zeigt, sind bei vielen Unternehmen „klassische“ I4.0-Technologien wie IoT-Plattformen (45 Prozent), Digitaler Zwilling (45 Prozent), künstliche Intelligenz (40 Prozent) oder additive Fertigung (40 Prozent) zwar bereits im Einsatz.



Dagegen befindet sich der Einsatz humanoider Roboter – auch bekannt unter dem Überbegriff Physical AI – aktuell noch in einer frühen Phase: Nur sechs Prozent der Unternehmen nutzt diese Technologie bereits produktiv, während ein größerer Anteil von zehn Prozent ihren Einsatz plant, oder zumindest diskutiert (acht Prozent). Im operativen Geschäft spielt Physical AI dagegen für die Mehrheit noch keine konkrete Rolle.



Dennoch zeigt sich ein bemerkenswerter Perspektivwechsel: Nahezu die gesamte Industrie kann sich langfristig vorstellen, dass humanoide Roboter eine breite Anwendung in der Produktion finden werden. Die Erwartung ist dabei aber weniger ein kurzfristiger Durchbruch als vielmehr eine schrittweise Entwicklung über die kommenden ein bis zwei Jahrzehnte. Dass sich humanoide Roboter in der Industrie nie flächendeckend durchsetzen werden, meint hingegen kaum jemand: Lediglich zwei Prozent der Industrieunternehmen teilen diese grundsätzliche Skepsis.  



Gebremst wird der Enthusiasmus vor allem durch Zweifel an der Wirtschaftlichkeit: Knapp ein Drittel der Befragten betrachtet humanoide Robotik als vorübergehenden Trend und 41 Prozent sehen mehr Kosten als Nutzen.



Auf der anderen Seite sind zwei von drei Unternehmen (64 Prozent) der Ansicht, dass Physical AI die deutsche Industrie produktiver macht, während mit 68 Prozent ähnlich viele Umfrageteilnehmer bekunden, die deutsche Industrie müsse schnellstmöglich selbst humanoide Roboter entwickeln und auf dem Weltmarkt anbieten.



„An humanoiden Robotern scheiden sich derzeit die Geister“, befindet Bitkom-Sprecherin Rückert. Allerdings sei diese Ambivalenz typisch für Technologien in einer frühen Reifephase.


I4.0-Anwendungen haben fast alle Industrieunternehmen im Einsatz.Bitkom Research



Humanoide Roboter als Chance für mehr Produktivität



Das besondere Potenzial humanoider Roboter liegt in ihrer Flexibilität. Im Gegensatz zu klassischen Industrierobotern, die meist hochspezialisiert und in klar definierten Umgebungen eingesetzt werden, können KI-gestützte, humanoide Systeme perspektivisch in bestehenden, für Menschen ausgelegten Arbeitsumgebungen operieren. Dadurch entfällt ein Teil der aufwendigen Umgestaltung von Produktionsprozessen. Gleichzeitig eröffnen sich neue Automatisierungsmöglichkeiten in Bereichen, die bisher nur schwer oder gar nicht automatisierbar waren.



„Humanoide Roboter waren vorgestern Science Fiction, gestern galten sie als visionär und heute werden sie zu einem echten, geschäftsrelevanten Industriethema“, erläutert Rückert. „Entscheidend ist, dass Deutschland gleichermaßen in die Entwicklung wie in den Einsatz humanoider Roboter investiert.“



Am Beispiel der humanoiden Robotik wird allerdings auch besonders deutlich, wie stark die industrielle Entwicklung inzwischen von KI geprägt ist. Die Technologie fungiert längst nicht mehr als isolierte Anwendung, sondern entwickelt sich zur zentralen Basistechnologie für Entwicklung, Produktion und Betrieb. Entsprechend hoch ist ihre strategische Bedeutung:




79 Prozent der Industrieunternehmen sind überzeugt, dass KI künftig entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie sein wird.



76 Prozent sprechen sich dafür aus, dass Deutschland hier eine Vorreiterrolle einnehmen sollte.



Nur eine Minderheit von 19 Prozent hält KI für einen vorübergehenden Trend.




Gleichzeitig zeigt sich jedoch eine wachsende Verunsicherung. Mehr als die Hälfte der Unternehmen (55 Prozent) befürchtet, dass die deutsche Industrie die KI-Revolution zu verpassen droht – ein Anstieg um neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dieses Spannungsfeld spiegelt sich auch in der Selbsteinschätzung wider: Während sich rund die Hälfte der Unternehmen (51 Prozent) beim KI-Einsatz vorne sieht, ordnen sich 46 Prozent als Nachzügler ein oder glauben sogar, den Anschluss bereits verloren zu haben.


width="1024" height="576" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px">Anders als I4.0 allgemein und KI sind humanoide Roboter für viele Industrieunternehmen noch Zukunftsmusik.Bitkom Research



Zuversicht trifft Tadel



Für den Branchenverband ist diese Ausgangssituation (erneut) ein Grund, von Wirtschaft und Politik die richtigen Weichenstellungen einzufordern. „Viele zentrale Anwendungen von Industrie 4.0 bauen heute auf KI auf – oder werden durch sie deutlich leistungsfähiger“, hält Rückert fest. Umso wichtiger sei es, KI nicht nur punktuell zu testen, sondern systematisch in Produktions- und Engineering-Prozesse zu überführen – mit leistungsfähiger Infrastruktur, einheitlichen Datenstandards und qualifizierten Beschäftigten entlang der Wertschöpfungskette.



„Deutschland braucht bei industrieller KI bessere Standortbedingungen: Mehr Rechenkapazitäten, bessere Dateninfrastrukturen, umsetzbare Regeln, gezielte Fachkräftequalifizierung und einfache Förderprogramme für den Mittelstand“, so die Bitkom-Sprecherin. Jetzt gehe es nicht mehr um das nächste Pilotprojekt, sondern um den breiten Einsatz von KI in der Wirtschaft und Industrie.



Für die Digitalchefin von Bosch gibt es allerdings keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. „Deutschland ist Vorreiter bei Industrie 4.0 – und hat es ins Leben gerufen“, bekräftigt sie. Nun gelte es, mit KI plus x auf den erzielten Stärken aufzubauen.