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Clubsterben in Hannover? Die verborgene Krise der Nachtkultur

Die Liste ist lang: „200Ponies“, „Agostea“, „Funpark“, „Rockhouse“, „Pan“ – zahlreiche Clubs und Diskotheken haben in Hannover in den vergangenen Jah…

Fakten

  • Die Liste ist lang: „200Ponies“, „Agostea“, „Funpark“, "Rockhouse", “Pan“ – zahlreiche Clubs und Diskotheken haben in Hannover in den vergangenen Jahren geschlossen.
  • Junge Menschen gehen heutzutage deutlich seltener in Clubs als früher, sagt der Jugendforscher Simon Schnetzer.
  • Im Jahr 2002 zählte “in Clubs oder auf Partys gehen” für 34 Prozent der Zwölf- bis 25-Jährigen zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen.
  • 2013 lag dieser Anteil nur noch bei 20 Prozent, 2019 schließlich bei 13 Prozent.
  • Die Shell-Jugendstudie, die seit den 1950er-Jahren die Einstellungen und das Sozialverhalten von Jugendlichen untersucht, zeigt diese Entwicklung.
  • Für André Roegglen beginnt diese Zeit in den frühen Neunzigerjahren.
  • Als Teenager entdeckt er damals das DJing für sich, in den Nullerjahren veranstaltet er mit Freunden zahlreiche Partys und Konzerte.
  • Jahrelang gestaltete er das Programm des Kulturzentrums Faust.
  • Heute ist Roegglen 49 Jahre alt und legt nach wie vor manchmal in Hannover auf.
  • In deckenhohen Regalen an seiner Wohnzimmerwand stehen etwa 8000 Schallplatten – Schätze einer jahrzehntelangen Erkundungstour durch Musikszene und Nachtleben.
  • „Ich war 14, als ich das erste Mal feiern war“, sagt Roegglen und schmunzelt.
  • Mit dem Jugendschutz habe man es damals in manchen Läden nicht so genau genommen.
  • „Aber der größte Unterschied zu heute waren die Subkulturen.“ Wer elektronische Musik mochte, sei ins “Cyberhouse” in Hannover-Linden gegangen, sagt Roegglen.
  • Die Goths haben man im Club neben der Eventlocation “Capitol” gefunden, der heute “Lux” heißt.
  • „Ich war am liebsten im ‚Sub‘ am Raschplatz hinterm hannoverschen Hauptbahnhof. Dort lief vor allem Hip-Hop, Funk und Soul.“
  • Clubs seien damals auch Zufluchts- und Vernetzungsstätten gewesen – für Szenen, die sich bewusst voneinander abgrenzten.
  • „Heute gibt es diese Subkulturen kaum noch“, sagt Roegglen.
  • Jugendforscher Schnetzer bestätigt das. Subkulturen hätten es heutzutage deutlich schwerer, neue Fans zu gewinnen, als früher.
  • Das hat mit dem hochgradigen Vergleichen über Social Media zu tun. Dadurch fällt es jungen Menschen schwerer, sich mit etwas zu identifizieren, bei dem sie sich nicht sicher sind, ob es allgemein anerkannt ist.
  • In den 1990er-Jahren war das noch anders.
  • Ende des Jahrzehnts hatte Techno seine Hochphase. 1,5 Millionen Raver tanzten 1999 in Berlin bei der Loveparade – ursprünglich eine Demonstration für Liebe, Frieden und Akzeptanz.
  • Und in Hannover feierten 250.000 Menschen bei der “Reincarnation”, der damals zweitgrößte Techno-Parade Deutschlands.
  • Roegglen veranstaltete in diesem Jahr mit Freunden die erste eigene öffentliche Party – in der Faust.
  • „Der Eintritt hat 8 D-Mark gekostet.“
  • Heute liegen die Ticketpreise für hannoversche Clubs im Vorverkauf oft zwischen 10 und 23 Euro.
  • Auch das habe Einfluss auf das Feierverhalten junger Menschen, sagt Schnetzer.
  • „Unsere neue Studie zeigt, dass 25 Prozent der 14- bis 29-Jährigen Schulden haben. Ein hoher Anteil der Befragten gab an, dass sie auf Dinge verzichten müssen, weil sie es sich nicht leisten können.“
  • Grund dafür seien mitunter die gestiegenen Mieten.
  • Musikhören hingegen war früher deutlich teurer: “Neue Songs kennenlernen – das ging ohne Streamingdienste und Co. eigentlich nur über Freunde, Radio und TV – oder eben im Club“, sagt Roegglen.
  • Doch die Zeiten änderten sich.
  • Im Jahr 2005 gründeten drei ehemalige PayPal-Mitarbeiter die Video-Plattform Youtube.
  • Nur knapp zwei Jahre später hatte sich die Seite bereits für Musikvideos etabliert.
  • Kurz darauf, 2008, senkte die globale Finanzkrise die Zahlungsbereitschaft vieler Menschen.
  • Im Jahr 2009 habe er zum ersten Mal bemerkt, dass die Schlangen vor den hannoverschen Clubs kürzer wurden, sagt Roegglen.
  • Womöglich begann hier schon eine Entwicklung, wegen der manche Diskotheken zehn Jahre später im Zuge der Corona-Pandemie schließen mussten.
  • Herausforderungen, die vorher schon da waren, habe die Pandemie potenziert, sagt Schnetzer: “Das Weggehen in Clubs bedient soziale Bedürfnisse – andere kennenlernen, sich präsentieren, sich in Gruppen zusammenfinden.“
  • Mit der Pandemie habe sich das Ausleben dieser Bedürfnisse zunehmend in den digitalen Raum verlagert.
  • Außerdem seien neue, langfristige Effekte hinzugekommen: Wie und wo man feiert – dieses Wissen werde normalerweise von Jahrgang zu Jahrgang weitergegeben.
  • „Aber diese Kette des Weitergebens hat die Covid-19-Pandemie durchbrochen. Die Jugend hat das Feiern verlernt“, sagt Schnetzer.
  • Überdies seien Jugendliche heute risikoaverser und gesundheitsbewusster als vorherige Generationen: “Im Fitnessstudio gut zu performen ist für junge Leute heutzutage wichtiger als lange Nächte.“
  • Ist die Clubszene nun also endgültig dem Untergang geweiht? Nein, sagen zwei, die aktuell viel im hannoverschen Nachtleben unterwegs sind: Nele Cumart ist 24 Jahre alt.
  • Sie ist Studentin, freie Journalistin – und legt seit etwa drei Jahren unter dem Künstlernamen “VÄXT” in Hannover auf, etwa im “Bronocs”, dem Kulturhafen oder auf dem Sonntag-Festival.
  • Antonia Spantzel ist 23. Neben dem Studium hat sie sich seit etwa eineinhalb Jahren in Hannover als DJ “Antonella mags schneller” etabliert – mit Auftritten in Faust, Weidendamm, Glocksee oder dem Béi Chéz Heinz.
  • Natürlich habe sich vieles verändert, sagen beide. “Die Leute haben heutzutage keinen Stammclub mehr. Stattdessen orientiert man sich am Line-up“, sagt Spantzel.
  • Sowohl für die DJs als auch für die Clubs sei es daher wichtig, sich in den sozialen Netzwerken gut zu verkaufen, sagt Cumart: “Es geht stärker darum, neue, verrückte Veranstaltungsorte auszuprobieren – auch wegen der Videokonzepte, die dadurch möglich werden.“
  • Eine dieser neuen Veranstaltungsformen sind sogenannte Day-Time-Raves, also Partys, die tagsüber stattfinden.
  • „Ich finde das eigentlich cool, wenn es nicht erst um 0 Uhr losgeht“, sagt Spantzel.
  • Dadurch werde das Feiern zugänglicher – auch für die, die nicht gerne die Nächte durchtanzen.
  • Jetzt gehe es darum, offen zu bleiben – sowohl gegenüber Formaten als auch gegenüber denjenigen, die das Feiern erst für sich entdecken, sagt Spantzel: “Solange man spielerisch bleibt und Neues wagt, hat die Clubszene in Hannover definitiv eine Zukunft. Viele Dinge in unserer Welt sind so schwer und ernst – da brauchen Menschen Räume, in denen sie einfach Spaß haben können.“
  • Hannover, Deutschland
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