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Oracle streicht weltweit bis zu 30.000 Stellen

Um seinen KI-Kurs zu finanzieren, greift Oracle zu drastischen Maßnahmen.Tada Images – shutterstock.com



Oracle hat am Dienstag mit Entlassungen begonnen, die zum größten Stellenabbau in der Unternehmensgeschichte werden könnten. Beschäftigte in den USA, Indien, Kanada, Mexiko und Uruguay erhielten gegen 6 Uhr morgens Ortszeit Kündigungs-E-Mails von der „Oracle-Führung“ – ohne vorherige Ankündigung durch HR oder direkte Vorgesetzte. Gleichzeitig wurde der Zugang zu Unternehmenssystemen wie Slack, Zoom, VPN und Zutrittskarten gesperrt.



In der Mitteilung an die betroffenen Mitarbeitenden verwies Oracle auf organisatorische Veränderungen und die Notwendigkeit, Abläufe zu verschlanken.



„Nach sorgfältiger Abwägung der aktuellen geschäftlichen Erfordernisse von Oracle haben wir die Entscheidung getroffen, Ihre Position im Rahmen einer umfassenderen organisatorischen Umstrukturierung zu streichen. Daher ist heute Ihr letzter Arbeitstag“, heißt es in der E-Mail von „Oracle Leadership“, wie aus Screenshots hervorgeht, die von betroffenen Mitarbeitern auf Reddits r/employeesOfOracle, Instagram und dem Fachforum Blind gepostet wurden. Die Mitarbeiter wurden gebeten, eine persönliche E-Mail-Adresse anzugeben, um Kündigungsunterlagen und FAQs über DocuSign zu erhalten.



Oracle beschäftigte zum 31. Mai 2025 rund 162.000 Vollzeitmitarbeiter.



Operative Risiken



Für CIOs, die Oracle ERP-, OCI- oder NetSuite-Workloads betreiben, sieht Sanchit Vir Gogia, Chefanalyst bei Greyhound Research, kurzfristig vor allem operative Risiken: schleichende Qualitätsverluste, langsamere Eskalationsprozesse, weniger Experten im Hintergrund, mehr Übergaben zwischen Teams und sinkendes Vertrauen bei komplexen Problemen außerhalb standardisierter Abläufe.



Unternehmen kauften nicht nur Software, sondern auch „Support-Kontinuität, Release-Disziplin, Qualitätssicherung, Integrationsstabilität und Verantwortlichkeit im Störungsfall“, so Gogia. Er rät CIOs, gezielt nach stabiler Support-Betreuung, Veränderungen in Produktteams der letzten Monate und verlässlichen Release-Zusagen zu fragen. Bleiben Antworten vage, sei das selbst ein Warnsignal.



Umfang und Geschäftsbereiche



Zu den Geschäftsbereichen, in denen laut Mitarbeiterbeiträgen auf Blind und r/employeesOfOracle die stärksten Kürzungen stattfanden, gehören die Bereiche „Revenue and Health Sciences“ (RHS) sowie „SaaS and Virtual Operations Services“ (SVOS). Berichten zufolge verzeichneten die Units jeweils einen Personalabbau von mindestens 30 Prozent. Auch das NetSuite-Entwicklungszentrum in Indien ist durch Einschnitte über mehrere Hierarchieebenen hinweg betroffen.



Oracle hatte bereits in einem SEC-Bericht vom März 2026 einen Restrukturierungsplan im Umfang von 2,1 Milliarden Dollar offengelegt, wovon 982 Millionen bereits hauptsächlich für Abfindungen verbucht wurden. Das Unternehmen verzeichnete im letzten Quartal einen Anstieg des Nettogewinns um 95 Prozent auf 6,13 Milliarden Dollar. Die sogenannten Remaining Performance Obligations (RPO) beliefen sich auf 523 Milliarden Dollar, ein Plus von 433 Prozent im Jahresvergleich.



Das Analysehaus TD Cowen, das bereits im Januar davor gewarnt hatte, dass Oracle Einschnitte dieser Größenordnung prüft, geht davon aus, dass die Entlassungen einen Cashflow von acht bis zehn Milliarden Dollar generieren könnten. Hintergrund ist unter anderem, dass US-Banken sich aus der Finanzierung des Rechenzentrumsausbaus zurückziehen. Oracle hat 2026 bereits rund 50 Milliarden Dollar Schulden aufgenommen, um geschätzte Infrastrukturinvestitionen von 156 Milliarden Dollar zu finanzieren.



Umfassendere Umstrukturierungsmaßnahme



Laut Gogia handelt es sich bei der Restrukturierung nicht um ein gewöhnliches Effizienzprogramm, sondern um eine strategische Neuverteilung von Kapital. „Oracle beschneidet nicht nur Randbereiche“, erklärt er. „Das Unternehmen richtet sich neu aus – auf OCI, KI-Kapazitäten und die Ökonomie von Hyperscale- und Enterprise-KI-Nachfrage – weg von einer Software-getriebenen Wachstumsstory hin zu einem Modell, das von Kilowatt, Kabeln, Rechenzentren, Chips und Finanzierung geprägt ist.“



Julie Trask, Senior Director bei Oracle Linux Cloud DevOps, gab nach 15 Jahren auf LinkedIn ihren Weggang bekannt. „Heute wurde meine Position bei Oracle gestrichen“, schreibt sie. „Auch wenn ich traurig bin, mich zu verabschieden, waren es fantastische 15 Jahre, und ich bin stolz auf das, was wir alle in dieser Zeit erreicht haben. Ich hoffe, dass alle, die von den Stellenkürzungen betroffen sind, interessante neue Aufgaben finden.“



Jeremy Carroll, Architekt im Reliability-Engineering-Team von Oracle Cloud Infrastructure, beschreibt das Ende seiner fast achtjährigen Tätigkeit im Unternehmen. „Ich kam 2017 dazu, um dabei zu helfen, eine Cloud von Grund auf aufzubauen. Zwei Regionen – das war alles. Heute sind es Hunderte“, erklärt er auf LinkedIn. Carroll hatte dabei geholfen, den Object Storage von OCI von Grund auf zu entwerfen und zu skalieren. „Die Überschreitung unseres ersten Petabytes an Speicherplatz? Wir haben noch die Polaroid-Fotos“, schreibt er.



Nicht alle Reaktionen fielen so nüchtern aus. Ein Mitarbeiter berichtet auf Reddit (r/employeesOfOracle), er habe nach 26 Jahren Betriebszugehörigkeit die Kündigung um 6 Uhr morgens per E-Mail erhalten. „Dass sie sich nicht einmal die Mühe für einen Anruf gemacht haben, ist widerlich, feige und einfach hässlich“, schreibt er.



Auch auf Blind schildert ein Oracle-Mitarbeiter den Ablauf: „Keine Vorwarnung, kein Anruf von HR, kein Einbezug des Managers. Nur eine E-Mail.“



Michael Shepherd, ein leitender Manager bei Oracle, erklärt in einem LinkedIn-Beitrag, dass „leitende Ingenieure, Architekten, Betriebsleiter, Programmmanager und technische Spezialisten“ zu den Entlassenen gehörten. „Die betroffenen Personen wurden nicht aufgrund von etwas entlassen, das sie getan oder unterlassen haben“, betonte er. (mb)