Infrastruktur, Security, Daten: Wo digitale Souveränität wirklich entsteht
loading="lazy" width="400px">Digitale Souveränität wird aktuell oft auf das Thema Standort der Daten reduziert. Im Grunde geht es jedoch viel allgemeiner darum, als Anwender Optionen zu haben.Lightspring – shutterstock.com
Die IT-Entscheiderebene hat sich daran gewöhnt, über Dinge zu sprechen, die sie nicht selbst umsetzen muss. Das ist oft auch nicht nötig, beziehungsweise aus Gründen der Komplexität auch gar nicht anders möglich. Trotzdem tut es manchmal gut, die ganz konkrete Implementierung von technologischen Entscheidungen anzusehen und diejenigen zu fragen, die diese Aufgabe im Alltag übernehmen. Bei der digitalen Souveränität ist dieses Spannungsfeld noch einmal besonders hoch. Der Begriff verfängt politisch, der Entscheidungsdruck steigt und dadurch wird die Debatte auf wenige Handlungsfelder, insbesondere den Serverstandort, verkürzt. Zu oft wird das Thema deswegen auch mit digitaler Abschottung verwechselt, was allerdings der deutlich nuancenreicheren Materie kaum gerecht wird.
Die starke Fixierung auf den Standort führt deswegen auch zu einer gewissen Sprunghaftigkeit, wie Armin Leinfelder von Baramundi feststellt: “ Wir haben erst eine Phase erlebt, in der alles On-Premises war, danach wollte plötzlich alles in die Cloud. Jetzt beobachten wir eine gewisse Rückbesinnung. Für mich geht es nicht um Entweder-oder, sondern um Optionen. Souveränität bedeutet, verschiedene Betriebsmodelle anbieten zu können und sich diese Wahlmöglichkeiten zu bewahren.”
Armin Leinfelder, baramundi:
„Oft werden digitale Souveränität und Datensouveränität in einen Topf geworfen. Ich halte digitale Souveränität für den treffenderen Begriff, weil er auch die Technologieebene einbezieht. Es geht nicht nur darum, wo Daten liegen, sondern auch mit welchen Systemen und Plattformen ich auf sie zugreife.“Chris Müller I Konzeption & Photodesign / baramundi software GmbH
Jonas Trüstedt, der bei der IT-Beratung ATIX das Thema Rechenzentrums-Automatisierung verantwortet, sieht in einer selbst betriebenen Cloud-Infrastruktur sogar nur eine scheinbare Souveränität: “Viele setzen On-Premises automatisch mit digitaler Souveränität gleich. Das stimmt so nicht. Auch im eigenen Rechenzentrum habe ich Abhängigkeiten – etwa von Betriebssystemen, Virtualisierungsplattformen oder einzelnen Herstellern.” Die entscheidende Frage sei für ihn deshalb nicht, ob etwas On-Premises läuft, sondern welche Alternativen ein Unternehmen hat, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern.
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Vom Tisch aufstehen können
Als konkretes Beispiel für solche geänderten Rahmenbedingungen muss man auch gar nicht die Trump´schen Horrorszenarien (“Killswitch”) bemühen. Es reicht schon ein Blick in die jüngste Vergangenheit, als Broadcom VMware übernahm und sein Geschäftsmodell radikal auf Abonnements und Softwarebündel umstellte. Viele Virtualisierungsumgebungen mussten diese Umstellung – und höhere Preise – wohl oder übel hinnehmen, mangels Alternativen. Genau hierin liegt das wesentliche “Souveränitätsmoment”: Vom Tisch aufstehen zu können, wenn einem das Angebot nicht mehr gefällt.
“Solange Plattformen gut funktionieren, sind Abhängigkeiten selten ein Thema”, stellt auch Cybercrime-Experte Götz Schartner von 8com fest. “Erst wenn Preise steigen, regulatorische Anforderungen greifen oder geopolitische Risiken sichtbar werden, rückt digitale Souveränität stärker in den Fokus. Wer erst im Krisenfall merkt, dass er nicht souverän ist, hat vorher falsch priorisiert.”
Götz Schartner, 8com: „Digitale Souveränität ist kein Selbstzweck – sie steht immer im Spannungsfeld mit Effizienz, Geschwindigkeit und Kosten. Und sie zeigt sich nicht im Normalbetrieb, sondern im Ernstfall. Wenn ein Angriff passiert, entscheidet sich innerhalb von Minuten, ob eine Organisation handlungsfähig ist oder nicht. Regulatorik kann hier Impulse geben, ersetzt aber keine eigene Strategie. Und ohne ein Mindestmaß an internem Verständnis wird auch die beste externe Unterstützung nicht zu echter Souveränität führen.“8com GmbH & Co. KG.
Oft ist es vor allem der Komfort von Hyperscaler-Produkten, der irgendwann in Abhängigkeit umschlägt. Schartner empfiehlt deswegen einen Best-of-Breed-Ansatz, bei dem Technologien kontinuierlich bewertet und gegebenenfalls ausgetauscht werden – verbunden mit einem gesunden Pragmatismus: Abhängigkeiten ließen sich nie vollständig vermeiden – aber sie sollten bewusst gewählt und regelmäßig hinterfragt werden.
Auch Trüstedt sieht die Hauptgefahr in so einem Vendor-Lock-In: Die Abhängigkeiten bei Betriebssystem, Virtualisierungsplattform und deren proprietären Management-Systemen sei nach wie vor hoch. Um das zu lösen, empfiehlt er Organisationen, “strategisch auf einen Multi-Vendor-Ansatz zu setzen und Releases und Patches mit einer ebenfalls quelloffenen Management-Plattform zu automatisieren.”
Digitale Souveränität sei deswegen vor allem eine Frage des souveränen Infrastruktur-Designs und weniger vom Standort des Rechenzentrums abhängig.
Jonas Trüstedt, Atix:
„Oft beginnt Sicherheits- oder Souveränitätsbewusstsein erst nach einem Vorfall oder wenn Kosten plötzlich steigen. Der Vorteil der aktuellen Diskussion ist aber, dass das Thema schon vorher auf die Agenda kommt. Wenn Unternehmen Alternativen vorbereitet haben, können sie diese auch als Verhandlungsmasse gegenüber Anbietern nutzen.“
ATIX Informationstechnologie und Consulting AG
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Open Source: Endlich komfortabel genug?
Das Thema digitale Souveränität mag gerade Trend sein: Auf die Risiken zu großer Abhängigkeiten von US-Hyperscalern hat aber vor allem eine Branche bereits 2018 hingewiesen: Die Open-Source-Szene. Deren Interessenverband, die Open Source Business Alliance, veröffentlichte schon im Jahr 2021 ihr “Manifest für Digitale Souveränität”, während der Begriff an sich schon spätestens mit dem US CLOUD Act 2018 auf die Bühne trat.
Es ist auch logisch, dass vor allem dieses Ökosystem, das Interoperabilität und offene Standards in der DNA hat, als erstes auf den Handlungsbedarf hinwies. Und dass die politischen Argumente schon länger für den Einsatz quelloffener Lösungen sprechen, dürfte auch den meisten Anwendern bewusst sein. Auch heute noch stellen der mangelnde Bedienkomfort und die Komplexität vieler Open-Source-Anwendungen oft ein Hindernis dar, wie Baramundi-Manager Leinfelder findet: „Man muss ehrlich sagen: Souveränität steht manchmal im Spannungsfeld zum Komfort. Deshalb ist es wichtig, auch die Perspektive der Nutzer einzunehmen und zu beobachten, wie gut Mitarbeitende mit neuen Lösungen zurechtkommen.“
Er stellt aber auch fest, dass viele Open-Source-Alternativen heute deutlich komfortabler als früher sind. “Linux-Distributionen etwa sind inzwischen auch auf Client-Geräten sehr einfach nutzbar. Das zeigt, dass es zunehmend reale Optionen neben den dominierenden Plattformen gibt.“
Souveränität und Security: Rehabilitierte Stiefkinder
Jahrelang teilten Souveränität und Security ein Schicksal: Sie wurden als Cost Center gesehen, die Innovation unnötig im Weg stehen und bestenfalls missmutig als Folge von Regulierung angegangen wurden. Diese Wahrnehmung ändert sich gerade. Unternehmen sehen auch den ökonomischen Wert resilienter Systeme und sind dafür auch bereit, upfront mehr zu investieren. Im Kern verfolgen Security und Souveränität laut Schartner auch dasselbe Ziel: Kontrolle über kritische Systeme und Daten. “Ohne Security gibt es keine Souveränität und ohne ein Mindestmaß an Souveränität wird Security zur Blackbox. Wer weiß, wo Daten liegen, wer Zugriff hat und wie Systeme betrieben werden, kann Sicherheitsrisiken deutlich besser steuern.”
Umgekehrt stärke eine gute Sicherheitsarchitektur auch die digitale Souveränität, weil sie Transparenz, Resilienz und Entscheidungsfreiheit erhöht. Gerade im operativen Bereich zeige sich diese Verbindung sehr konkret, etwa im SOC: Dort entscheide sich, ob ein Unternehmen wirklich handlungsfähig ist oder nur zuschaut.
Einige Themen seien für ihn aber durchaus standortabhängig: “Betrieb und Analyse sollten vollständig in Deutschland erfolgen, auf Basis strenger BSI-Anforderungen. Zudem entscheiden wir uns bei fachlich vergleichbaren Lösungen bewusst für europäische Technologien.”
Datenflüsse statt Datenstandort
Digitale Souveränität ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit Datensouveränität, vor allem, wenn es um den Standort der Datenspeicherung geht. Dieser ist nämlich eigentlich sekundär. Viel relevanter ist es, wie die Verfügbarkeit der Daten organisiert ist und wie sie sich im Betrieb verhalten. Gerade in Public-Cloud-Szenarien stellt sich die Frage, was passiert, wenn einzelne Anbieter ausfallen oder Dienste nicht mehr wie gewohnt zur Verfügung stehen. Datensouveränität wird damit untrennbar mit Verfügbarkeit und Lastverteilung verbunden – also mit der Fähigkeit, Daten auch unter veränderten Bedingungen kontrolliert bereitzustellen.
Für Steffen Höllinger von Confluent bilden die Datenflüsse neben der Infrastruktur deswegen die zweite wichtige Ebene von Datensouveränität: Die “Daten-Governance” wird damit zum zentralen Steuerungsinstrument. “Viele Projekte werden von multinationalen Unternehmen und globalen Communities getragen. Deshalb geht es weniger um Herkunft als um Governance: Wer kontrolliert die Daten, wer nutzt sie, und passiert das auch im Einklang mit den definierten Regeln?
Steffen Höllinger, Confluent:
„Digitale Souveränität wird oft auf den reinen Datenstandort verkürzt. Entscheidend ist aber auch, wie Verfügbarkeit organisiert ist und wie Last verteilt wird – gerade wenn ein Public-Cloud-Anbieter ausfällt. Deshalb sollte der Fokus stärker auf der Datenebene liegen: Governance-Policies implementieren, kritische Datenflüsse kontrollieren und das auch über hybride Umgebungen hinweg.”Confluent Germany GmbH
Besonders deutlich wird die Bedeutung der Datenflüsse im Kontext von künstlicher Intelligenz, so Höllinger. Während sich die öffentliche Debatte häufig auf Modelle konzentriert, liege der eigentliche Hebel in den Daten selbst.
“Unternehmen müssen verstehen, wo ihre Daten fließen, wie sie sie aggregieren und in Echtzeit verfügbar machen können. Aktuell gibt es zum Beispiel viel Verwirrung rund um AI Agents. Viele denken an komplexe Planungssysteme, aber realistischer sind zunächst viele kleine, spezialisierte Agents – im Grunde Microservices, die jeweils eine Aufgabe zuverlässig erledigen. Die entscheidende Frage ist dann: Wo laufen diese Agents, wo liegen die Daten, und habe ich darüber die Kontrolle?“
Weniger diskutieren, mehr implementieren
Folgt man der Meinung der Experten, kann man feststellen: Die Debatte wird häufig auf der falschen Abstraktionsebene geführt. Standortfragen, Anbieterentscheidungen oder regulatorische Rahmenbedingungen sind relevant – greifen aber zu kurz, wenn die zugrunde liegenden Abhängigkeiten in Infrastruktur, Automatisierung und Datenflüssen bestehen bleiben. Für die Praxis entscheidet sich Souveränität deswegen nicht auf dem Papier, sondern in der konkreten Systemarchitektur. Gerade in der Verbindung von Infrastruktur, Automatisierung und Datengovernance wird deutlich, dass digitale Souveränität schrittweise entsteht – durch Entscheidungen, die Portabilität ermöglichen, durch Automatisierung, die nicht bindet, und durch Datenstrukturen, die kontrollierbar bleiben.
Marcel Etzel, easy Software AG: „Ohne die passende Infrastruktur lässt sich Datenhoheit kaum umsetzen. Die technische Architektur entscheidet darüber, ob Unternehmen ihre Daten flexibel zwischen Systemen, Plattformen oder Betriebsmodellen bewegen können – oder ob sie langfristig an einzelne Anbieter gebunden bleiben. Offene Schnittstellen, portable Datenformate und klar definierte Migrationspfade sind daher ein wesentlicher Bestandteil souveräner IT-Architekturen.“Caroline Schlueter / easy Software AG
Marcel Etzel vom Softwareentwickler Easy bringt es auf den Punkt: „Man kann digitale Souveränität auch aus einer anderen Perspektive betrachten – weniger als Herausforderung, sondern als Chance. Denn wer sich bewusst mit Abhängigkeiten, Datenflüssen und Systemarchitekturen beschäftigt, schafft oft ganz nebenbei mehr Transparenz, klarere Verantwortlichkeiten und belastbarere IT-Strukturen. Am Ende geht es dabei vor allem um eines: Wieder mehr Gestaltungsspielraum in der eigenen IT zu gewinnen.“
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