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Jugendgewalt in Italien: Der Einfluss sozialer Medien und das Scheitern neuer Gesetze

Der dreizehnjährige Junge hatte seine Tat minutiös geplant. Er beschaffte sich - aller Wahrscheinlichkeit nach im Internet - ein langes Jagdmesser un…

Fakten

  • Der dreizehnjährige Junge hatte seine Tat minutiös geplant.
  • Er beschaffte sich - aller Wahrscheinlichkeit nach im Internet - ein langes Jagdmesser und eine Schreckschusspistole, dann bemalte er ein weißes T-Shirt mit dem Schriftzug „VENDETTA“ (Rache).
  • Am Mittwochmorgen schritt er dann zu seiner verstörenden Tat: Sein Mobiltelefon mit eingeschalteter Kamera vor die Brust gehängt, betrat er seine Schule in der Provinz Bergamo, traf in einem Korridor auf seine Französischlehrerin und stach ihr das Messer in Hals und Bauch.
  • Die Tat hat der Junge live in seine Chatgruppe auf Telegram übertragen.
  • Zuvor hatte er auf dem gleichen Kanal auch noch ein „Manifest“ mit dem Titel „Die Endlösung“ hinterlassen - auf Englisch, da er sich offenbar an ein internationales Publikum wandte.
  • Darin beklagte er sich, dass er sich von seiner Lehrerin unfair behandelt fühle und beschreibt ein Leben „voller Ungerechtigkeit und Respektlosigkeit“. Er sei zu dem Schluss gekommen, dass er seine Lehrerin töten müsse und habe beschlossen, „die Situation selbst in die Hand zu nehmen“. Die Tötung der Lehrerin sei nicht nur ein Akt der Rache, sondern auch etwas, „das die Routine der Langeweile auf möglichst extreme Weise unterbrechen kann“.
  • Die Lehrerin überlebte schwer verletzt: Sie wurde mit dem Hubschrauber in das Krankenhaus von Bergamo geflogen und konnte mit einer Notoperation gerettet werden. Sie befindet sich inzwischen außer Lebensgefahr.
  • Der junge Täter, der mit seinen 13 Jahren noch nicht strafmündig ist, wurde in ein Erziehungsheim gebracht.
  • In seinem Zimmer wurden Chemikalien gefunden, mit denen er laut den Behörden möglicherweise einen Sprengsatz bauen und ein Attentat verüben wollte.
  • Seine Mitschüler bezeichneten ihn in den italienischen Medien als „etwas seltsam“ und zurückgezogen. Viele Freunde scheint er nicht gehabt zu haben.
  • Die Bluttat des Jungen hat in Italien große Betroffenheit ausgelöst, zumal erst Mitte Januar ein ähnlich schockierender Vorfall Schlagzeilen gemacht hatte: Ein 19-jähriger Berufsschüler stach im Klassenzimmer vor den Augen der anderen Schüler und des Lehrers einen 18-jährigen Klassenkameraden nieder, der später im Krankenhaus starb.
  • Bildungsminister Giuseppe Valditara sprach danach von einem Ereignis von „beispielloser Schwere“. Nach der Tat verfügte die Rechtsregierung von Giorgia Meloni per Notdekret ein Verkaufs- und Tragverbot von Messern für Minderjährige.
  • Außerdem wurden Geldstrafen von bis zu 1000 Euro eingeführt für Eltern, die die Einhaltung dieses Verbots bei ihren Kindern nicht durchsetzen.
  • Die Opposition kritisierte, dass die Jugendgewalt und die Gewalt an den Schulen nicht mit Verboten bekämpft werden könne - und in der Tat war das Messerverbot schon in Kraft, als der Dreizehnjährige seine Lehrerin zu töten versuchte.
  • Vidalara räumte ein, dass Gewalttaten unter Minderjährigen in der Regel tiefer liegende Ursachen haben und erwähnt insbesondere den „negativen Einfluss der sozialen Medien“. Die Anonymität im Netz, die Gewalt und die Präsenz von extremen Taten könnten Kinder und Jugendliche überfordern, betonte der parteilose Bildungsminister.
  • Die Regierung hatte bereits für das laufende Schuljahr ein Handy-Verbot für Schülerinnen und Schüler bis 14 Jahre an den Schulen erlassen.
  • Nun zeigt sich Valditara auch offen für ein generelles Verbot, wie es etwa in Australien für soziale Medien gilt.
  • Zu den verheerenden Folgen der sozialen Medien auf die Psyche der Kinder kommt eine Tendenz, die Experten als „Überhöhung des eigenen Ichs“ bezeichnen und die gewöhnlich mit einer niedrigen Frustrationstoleranz einhergeht: Selbst die kleinste Kränkung oder Zurechtweisung wird von den kleinen Narzissten als ungeheuerliche Beleidigung empfunden.
  • Dass Gewaltausbrüche gerade an Schulen zunehmen, ist für Claudio Menacci, Psychiater und Experte für psychische Störungen bei Jugendlichen, deshalb kein Zufall: „Die Lehrer repräsentieren Autorität; ihre Aufgabe besteht auch darin, Grenzen zu setzen. Und so können sie zu Feindbildern werden, für die keine Empathie mehr empfunden wird.“
  • Die Eltern des 13-jährigen Täters hielten über ihren Anwalt fest, dass ihr Sohn seit Längerem in psychologischer Behandlung sei.
  • Bei der Befragung durch die Polizei habe er den Eindruck hinterlassen, nicht mehr zwischen Realität und virtueller Wirklichkeit unterscheiden zu können. Es könne deshalb sein, dass er von Dritten - sprich: von Mitgliedern seiner anonymen Chatgruppe auf Telegram - zu seiner Tat angestachelt worden sei.
  • Die angegriffene Lehrerin ist dem Jungen jedenfalls offenbar nicht böse: „Meine Verletzung soll nicht zu einer Mauer werden, sondern zu einer Brücke: Hin zu einer aufmerksameren Schule, zu einer neuen Weise, die Jungen zu begleiten - besonders diejenigen, die sich schwertun wie vermutlich der ,ragazzo’, der mich angegriffen hat und der im tiefsten Innern vielleicht nicht einmal weiß, warum er das getan hat“, erklärte sie vom Krankenhaus aus.
  • Bergamo
  • Die Tat des 13-jährigen Jungen ist ein Beispiel für die Gefahren der sozialen Medien auf die Psyche der Kinder und Jugendlichen.