Dresdner auf dem Weg zur Energieautarkie: „Keine Lust mehr auf das Rumgedrecke“
Hier drinnen riecht es nach Trabi, ganz eindeutig. Aber warum eigentlich? „So richtig kann ich mir das auch nicht erklären“, sagt Alf Reinhard. Der D…
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Fakten
- Der Trabant 600 Kombi von Alf Reinhard fährt inzwischen rein elektrisch.
- Alf Reinhard hat seinen Trabant 600 Kombi gemeinsam mit Freunden aufwendig restaurieren und bis 2018 umrüsten lassen.
- Die Batterie des E-Trabis sitzt jetzt unter der Rücksitzbank.
- Der E-Trabi steht sinnbildlich für die Grundeinstellung seines Besitzers: Nur weil früher verbrannt wurde, muss nicht für alle Zeiten verbrannt werden.
- Alf Reinhard kaufte seinen ersten Trabant 601er in den 90er-Jahren für eine D-Mark und trimmte ihn auf elektrisch.
- Der legendäre 'Gespensterauto von Hellerau' ist heute im Dresdner Verkehrsmuseum zu bestaunen.
- In der DDR wurde voll auf fossile Brennstoffe gesetzt, Alf Reinhard erinnert sich daran, wie er in seinen Wohnungen jahrzehntelang Kohlen aus dem Keller schleppte.
- Alf Reinhard und seine Familie hatten zwei Öfen setzen lassen, einen fürs Wohnzimmer und einen fürs Kinderzimmer, noch 1989.
- Sein Haus entwirft Alf Reinhard zusammen mit einem Architekten auf dem Reißbrett, ab 1995 wird es Stein auf Stein gebaut.
- Die 1,20 Meter tiefen Gräben für die PE-Rohre der Erdwärmepumpe hebt er selbst aus.
- Sein Schwiegervater beobachtete Alfs Treiben zunächst skeptisch, aber später unterstützte ihn.
- Die Wärmepumpe ist seit 30 Jahren ihren Dienst und versorgt die Fußbodenheizung auf zwei Etagen und den Warmwasserbehälter.
- Gefroren haben Heike und Alf Reinhard hier noch nie.
- Die Schwiegereltern entschieden sich zunächst für Flüssiggas, aber später rüsteten sie auch eine Wärmepumpe nach.
- Alf Reinhard ist als Diplomingenieur für Verfahrenstechnik im Umweltamt beschäftigt, aber nur noch bis Mai.
- Er gehörte zu den wenigen Exoten, die sich ernsthaft mit erneuerbaren Energien auseinandergesetzt haben.
- Der elektrisch betriebene O-Bus durch Dresden gefahren ist ein Beispiel für seine Vorstellungen.
- Die Wärmepumpe war nur der Anfang, wenngleich ein wichtiger, in den 90ern habe er rings um die eigenen vier Wände endlich die Möglichkeit gehabt, seine Vorstellungen praktisch umzusetzen.
- Das Jahr 2026: Heike und Alf Reinhard wohnen allein in ihrem Häuschen in Weixdorf.
- Ihre vier Kinder sind längst ausgezogen.
- Die Mauern sind mit vier Zentimetern Mineralwolle gedämmt, der Garagenanbau hat ein Gründach.
- Während er an diesem Morgen hinter dem Haus eine ausgeblichene Gartentruhe zur Seite schiebt und die darunterliegenden Anschlüsse der Pumpe präsentiert, verabschiedet sich gerade seine Frau.
- Sie arbeitet als Logopädin und muss zum Hausbesuch.
- Lautlos rollt ein weißer Tesla aus der Garage.
- Heike winkt und ist weg.
- Lange habe er sich nicht vorstellen können, sich ein so teures Auto zu zulegen, sagt Alf Reinhard, letztlich sei er aber irgendwie auch selbst schuld.
- Er hat seiner Frau einst eine Tesla-Probefahrt zum Geburtstag geschenkt.
- Danach gab es kein Zurück mehr.
- Das erste Auto aus der Schmiede von Elon Musk haben sich die beiden 2019 gekauft.
- „Ich fand es damals genial, wie der die Branche aufgerollt hat“, erinnert sich Reinhard.
- Andere hätten nur lamentiert.
- Musk habe zu einem funktionalen Elektroauto auch gleich noch das europaweite Schnellladenetz geliefert.
- „Dass er zuletzt so abgedriftet ist, ist eine andere Sache.“
- Aufgeladen wird der Akku des Tesla mit dem Strom, den die Reinhards über Solarzellen auf diversen Dachflächen selbst produzieren.
- Los ging es im Jahr 2000 mit einer kleinen Ein-Kilowattpeak-Anlage an der Giebelseite.
- Damals ging es vor allem ums Prinzip.
- Die Erträge konnten zunächst nur ins allgemeine Stromnetz eingespeist werden.
- Fünf Jahre später baute sich Reinhard einen Carport in den Garten, dessen Dachfläche ausschließlich aus Solarmodulen besteht.
- Diese Idee habe er sich bei einer Scheune abgeschaut und sei sofort begeistert gewesen.
- Durch die teiltransparenten Module ist es unter dem Carport nicht nur trocken, sondern auch hell.
- 2011 ließ Reinhard auch die Ostseite des Wohnhauses mit Solarpanelen bestücken, weitere sieben Jahre später die Westseite.
- Insgesamt liefert seine Anlage nun knapp 25 Kilowattpeak, was für die maximale Leistung unter idealen Bedingungen steht.
- Ein dazugehöriger Speicher macht den Einsatz des Stroms im Haus wesentlich flexibler.
- Rechnerisch reicht seine Kapazität aus, um fünf Stunden die Wärmepumpe laufen zu lassen oder etwa 100 Kilometer Tesla zu fahren.
- Den Krieg im Iran hält Reinhard für ein schreckliches Drama, seine Auswirkungen auf die Energiepreise spürt er selbst allerdings kaum.
- „Es heißt ja jetzt immer, die Autofahrer müssen besonders leiden“, sagt er.
- Dabei sind es nur die Stinkeautofahrer.
- Die Sonne scheine auf sein Grundstück und liefere ihre Energie direkt nach Hause.
- „Wie kann man da als AfD wieder auf russisches Gas setzen wollen?“
- Auch auf Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche ist Reinhard nicht gut zu sprechen.
- Die CDU-Politikerin will bekanntlich die Einspeisevergütung für neu installierte, private Photovoltaik-Anlagen streichen und neue Gaskraftwerke bauen.
- „Das regt mich alles so sehr auf“, sagt Reinhard.
- Stattdessen plädiert er unter anderem dafür, die vorhandenen Biogasanlagen effektiver einzusetzen.
- Über das ganze Jahr gesehen ist Familie Reinhard inzwischen zu über 70 Prozent energieautark.
- Die verbliebenen 30 Prozent müssen im Winter über externen Strom bezogen werden.
- „Mithilfe dynamischer Stromtarife gelingt es uns schon, diesen Netzstrom vermehrt in Niedrigpreisphasen zu beziehen“, sagt er und klingt jetzt doch ein bisschen wie ein Nerd.
- Die Lücke bis zur Autarkie würden wir gern noch weiter verringern. Da haben wir eine Aufgabe für die kommenden Jahre.
- Schon jetzt taugen seine Zahlen dafür, Otto-Normal-Verbrenner vor Neid erblassen zu lassen.
- Grob gerechnet zahlen die Reinhards im Jahr derzeit rund 1000 Euro Energiekosten – inklusive Wärme und Tesla-Betrieb.
- Zum Vergleich: Laut Statistischem Bundesamt muss ein Eigenheimbesitzer in Ostdeutschland jährlich im Schnitt rund 5000 Euro für Strom, Heizung und Kraftstoff berappen.
- Fünfmal so viel.
- Dabei sollte man nicht verschweigen, dass die nötige Technik für erneuerbare Energien erst einmal angeschafft und instandgehalten werden muss.
- Wärmepumpen gibt es ab 20.000 Euro, Teslas ab 40.000 Euro und auch sinnvolle Solaranlagen kosten mehrere 10.000 Euro.
- „Ein paar Pfennig muss man schon in die Hand nehmen“, räumt Reinhard ein, der sich bewusst ist, dass nicht jeder Eigenheimbesitzer Geld für solcherlei Investitionen zur Verfügung hat.
- Dennoch will er Beispiel sein und andere inspirieren, so wie es sich die Vereinigung zur Förderung Erneuerbarer Energien Sachsen zum Ziel gesetzt hat.
- Dort ist Reinhard seit drei Jahrzehnten Mitglied.
- Für den 16. Juni lädt er zu einer „Solarparty“ auf sein Grundstück ein.
- Dann wird in Dresden-Weixdorf gemeinsam die Energiewende beschworen, bis die Sonne untergeht.