Mehr Rechen-Power für Deutschland
Bis 2030 will die Bundesregierung im Rahmen der Nationalen Rechenzentrumstrategie die heimische Rechen-Power mehr als verdoppeln.dotshock/Shutterstock.com
Egal, ob Künstliche Intelligenz (KI), Cloud-Anwendungen oder High-Performance-Computing – ohne massive Rechenkapazitäten bleibt die Vision einer modernen Gesellschaft nur ein Luftschloss. Um die Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland zu sichern, hat das Bundeskabinett nun seine Rechenzentrumsstrategie verabschiedet.
Zwar ist Deutschland aus Sicht der Bundesregierung bereits heute mit einer IT-Anschlussleistung von rund 3.000 Megawatt der führende Rechenzentrumsstandort in Europa. Doch im globalen Vergleich mit Ländern wie den USA (2024 rund 48 Gigawatt) oder China sind das nur die berühmten Peanuts. Ein Punkt, den auch die Bundesregierung erkannt hat.
Die RZ-Ziele des Bundes
So formuliert sie in ihrem Beschluss zur Rechenzentrumsstrategie ein klares Ziel: Bis zum Jahr 2030 sollen die Kapazitäten für herkömmliche Rechenzentren mindestens verdoppelt werden. Noch ambitionierter ist der Plan für die Zukunftstechnologien: Die Anschlussleistung für High Performance Computing (HPC) und KI soll sich im gleichen Zeitraum sogar vervierfachen.
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger betont dabei die Dringlichkeit: „Deutschland braucht mehr Rechen-Power. Wir wollen führend bei Künstlicher Intelligenz in Europa werden.“ Zudem seien Rechenzentren die „entscheidende physische Grundlage“ für die digitale Transformation.
Drei Handlungsfelder
Dazu formuliert das Strategiepapier drei zentrale Handlungsfelder:
Energie und Nachhaltigkeit,
Standort und Fläche,
Technologie und Souveränität.
Ein Kernelement ist der Aufbau eines nachhaltigen Energiesystems. Rechenzentren sollen künftig vollständig mit erneuerbarem Strom versorgt werden. Innovative Lösungen wie die Abwärmenutzung und wassersparende Kühlsysteme sollen die Anlagen zu Vorbildern in Sachen Effizienz machen. Das Ziel: Deutschland als Standort für grüne Hochleistungstechnologie zu etablieren.
Streben nach KI-Giga-Factory
Das Strategiepapier der Bundesregierung sieht 28 Maßnahmen zur Stärkung des RZ-Standorts Deutschland vor.
Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung
Dazu müssen aber die Bagger schneller als in der Vergangenheit rollen. Die Bundesregierung plant, Planungs- und Genehmigungsverfahren drastisch zu beschleunigen. Durch sogenannte „Praxis-Checks“ mit Betreibern soll der Rechtsrahmen optimiert werden. Zudem sollen vorhandene Flächen vorrangig genutzt oder umgenutzt werden, um den Flächenverbrauch einzudämmen.
Ferner strebt Deutschland die Ansiedlung von mindestens einer der europäischen KI-Gigafabriken an. Parallel dazu soll eine souveräne Cloud-Plattform für KI-Anwendungen als Teil des sogenannten „Deutschland-Stacks“ entstehen, um die Unabhängigkeit der öffentlichen Verwaltung zu stärken.
Das sagt die Branche: Kein großer Wurf
Grundsätzlich begrüßen zwar Interessenverbände wie der Bitkom, die German Datacenter Association oder der eco – Verband der Internetwirtschaft e.V., die Pläne der Bundesregierung, sparen aber auch nicht mit Kritik. So erklärt etwa Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst: „Die Rechenzentrumsstrategie ist ein wichtiges Signal, ein großer Wurf ist sie nicht.“ Für ihn bleibt das Strategiepapier „zu oft im Vagen und belässt es häufig bei allgemeinen Absichtserklärungen“.
Bei der German Datacenter Association begrüßt man zwar ebenfalls das Strategiepapier als „starkes Signal“, mahnt aber gleichzeitig, dass „die Umsetzung jetzt entscheidend“ sei. So sieht man bei zentralen Erfolgsfaktoren weiterhin Handlungsbedarf. Beispielsweise werde die gesellschaftliche und kommunale Akzeptanz von Rechenzentrumsprojekten unzureichend adressiert. Hier brauche es eine systematische Stärkung der Akzeptanz, etwa durch verbindliche Anreizstrukturen für Kommunen, eine frühzeitige Einbindung lokaler Akteure sowie klare Mehrwerte für die Regionen.
Die Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen unter dem Dach von eco – Verband der Internetwirtschaft e. V. begrüßt zentrale Elemente der Nationalen Rechenzentrumsstrategie, bemängelt aber, dass zentrale Standortfragen aus Sicht der Branche offenbleiben. Dazu zählten insbesondere wettbewerbsfähige Strompreise sowie verlässliche Investitionsbedingungen. Die Strategie benenne zwar die richtigen Herausforderungen, bleibe bei konkreten Lösungen jedoch vage.
Die Maßnahmen im Detail
Konkret führt die Nationale Rechenzentrumsstrategie 28 Maßnahmen auf. Untergliedert nach den drei zentralen Handlungsfeldern sind dies Folgende:
Energie und Nachhaltigkeit
Überarbeitetes Vergabeverfahren der Übertragungsnetzbetreiber: Ermöglichung von Vorzugsregeln und Reservierung von Kapazitäten für Rechenzentren im Übertragungsnetz.
Verbessertes Vergabeverfahren der Verteilnetzbetreiber: Steigerung der Transparenz über freie Netzanschlusskapazitäten und Digitalisierung der Prozesse.
Branchenstandard für flexible Netzanschlussvereinbarungen (FCA): Erarbeitung von Mustervereinbarungen für einen zeitlich flexiblen Anschluss bei begrenzter Netzkapazität.
EU-weit harmonisierte technische Anforderungen: Festlegung verbindlicher technischer Regeln für den Netzanschluss zur Sicherung der Netzstabilität.
Dialogprozess zwischen Rechenzentrums- und Energiebranche: Zusammenarbeit bei der Nutzung erneuerbarer Energien, regionaler Kopplung und Eigenversorgung.
Praxisnahe Anforderungen an den Stromverbrauch: Pragmatische Ausgestaltung von Effizienzwerten (PUE) und Erleichterung von Abwärmeprojekten.
Rahmenbedingungen auf EU-Ebene: Einführung eines Kennzeichnungssystems und von Mindestanforderungen an die Energieeffizienz (Data Center Energy Efficiency Package).
Fortführung von Staatszuschüssen: Weiterführung der Entlastungen bei EEG-Kosten und Übertragungsnetzkosten für energieintensive Unternehmen.
Einbeziehung in die Strompreiskompensation: Bemühen um eine EU-weite Anerkennung von Rechenzentren zur Entlastung bei indirekten CO2-Kosten.
Berücksichtigung in der Netzentgeltsystematik: Einbeziehung von Rechenzentren in den AgNES-Prozess der Bundesnetzagentur bei nachgewiesener Lastflexibilität.
Standort und Fläche
Konzept zur Ausweisung von Vorzugsflächen: Identifikation und Vorbereitung von geeigneten Flächen, insbesondere sog. Brownfields.
Standardisierter Kriterienkatalog für Kommunen: Bereitstellung von Handreichungen zur Bewertung und Priorisierung von Ansiedlungsflächen.
Ausbau der Telekommunikationsnetze: Verbesserung der Glasfaser- und Mobilfunkkonnektivität durch TKG-Novellen und Förderprogramme.
Prüfung eines Zerlegungsmaßstabes für die Gewerbesteuer: Erhöhung der lokalen Akzeptanz durch eine gleichmäßigere Beteiligung der Standortkommunen am Steueraufkommen.
„Praxis-Check“ zur Verfahrensbeschleunigung: Untersuchung des bestehenden Rechtsrahmens auf Hemmnisse bei Planungs- und Genehmigungsverfahren.
Austausch zu „Best Practices“: Identifikation erfolgreicher Verfahrensabläufe und Etablierung eines Dialogs zwischen Bund, Ländern und Kommunen.
Technologie und Souveränität
Unterstützung einer KI-Gigafabrik: Aufbau mindestens eines kommerziellen KI-Großrechenzentrums im Rahmen einer öffentlich-privaten Partnerschaft.
Ausbau souveräner Cloud-Kapazitäten auf EU-Ebene: Aktive Mitgestaltung des EU Cloud and AI Development Act zur Stärkung europäischer Alternativen.
Erweiterung des Nationalen Hochleistungsrechnens (NHR): Schrittweiser Ausbau der KI-Rechenkapazitäten für die Forschung und Förderung von Datenökosystemen.
Unterstützung beim Kauf von Quantencomputern: Integration von Quantenrechnern in die Infrastruktur klassischer Hochleistungsrechenzentren.
Stärkung der Cloud-Nutzung durch die Verwaltung: Umsetzung des „Cloud-First“-Prinzips und Migration von IT-Lösungen in hybride Cloud-Modelle.
Bündelung von Know-how in IPCEIs: Fortsetzung und Verknüpfung paneuropäischer Großprojekte zu Cloud-Technologien, KI und Edge-Computing.
Förderung nachhaltiger Technologien: Gezielte Förderung von Innovationen bei Kühltechnik und Energieeffizienz durch einen Förderaufruf in 2026.
Erhöhung der Forschung zu Cybersicherheit: Stärkung der Resilienz von Rechenzentren gegen Cyberattacken durch internationale Kooperationen.
Verbesserung der Rahmenbedingungen zur Nutzung souveräner Angebote: Erleichterung der öffentlichen Vergabe und Schaffung europäischer Marktplätze.
Integration europäischer Technologien: Schaffung von Anreizen für einen hohen Anteil lokaler Wertschöpfung beim Bau von Infrastrukturen.
Einrichtung einer souveränen Cloud-Plattform: Bereitstellung einer Infrastruktur für KI-Anwendungen der öffentlichen Hand als Teil des „Deutschland-Stacks“.
Nutzung der Plattform „Digitale Souveränität“: Vernetzung von Start-ups, Industrie und Forschung zur Skalierung souveräner digitaler Geschäftsmodelle.
Die Umsetzung dieser Maßnahmen soll innerhalb der nächsten 12 Monate gestartet werden. Alle Fortschritte werden durch ein jährliches Monitoring des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung protokolliert.
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