Ein neues Meisterwerk vom sächsischen Starschriftsteller Lukas Rietzschel: Wie der Roman „Sanditz“ die Lausitz spiegelt
Zehn nackte Männer stürzen ein Bismarck-Denkmal im Wald. So beginnt der neue Roman von Lukas Rietzschel. Die Männer wollen den „muffigen Geist der Ve…
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Fakten
- Ein neues Meisterwerk vom sächsischen Starschriftsteller Lukas Rietzschel: Wie der Roman „Sanditz“ die Lausitz spiegelt
- Zehn nackte Männer stürzen ein Bismarck-Denkmal im Wald. So beginnt der neue Roman von Lukas Rietzschel.
- Die Männer wollen den "muffigen Geist der Vergangenheit" aufhalten, der neuerdings über die deutschen Landstriche wirbelt.
- Der Rabenschwarm stammt aus der Krabat-Sage. Auch der dritte Roman von Lukas Rietzschel spielt in der Lausitz.
- Die fiktive Kleinstadt Sanditz am Rand der Republik wird als Görlitz erkennbar.
- Die Landeskrone mit Bismarck-Säule heißt im Buch Landesthron. Manche Dörfer in der Region wurden Opfer des Tagebaus, die Einwohner umgesiedelt.
- Eine dieser Familien bildet das Zentrum eines Erzählstroms, der die jüngste deutsche Geschichte vielstimmig aufnimmt und bis in die Gegenwart führt, bis in die verschlammten Schützengräben des Ukraine-Kriegs.
- Schon Rietzschels Debüt "Mit der Faust in die Welt schlagen" von 2018 und sein Roman "Raumfahrer" wurden viel gelobt, seine drei Theaterstücke erfolgreich aufgeführt.
- Jetzt gelingt ihm der Sprung in eine neue Liga. Dass einer mit Anfang dreißig so schreiben kann! Allein, wie geschickt er die Biografien seiner Figuren entwickelt, ist eine Kunst für sich.
- Soziologische Tiefenbohrung. Erst nach und nach werden die Ursachen deutlich, warum einer schweigend aus dem Fenster starrt oder zuschlägt oder einen Neubeginn wagt.
- Neubeginn passiert selten. Tristesse dominiert. Die Mauern eines Friedhofs zerbröckeln, die mächtigen Kastanien werden gefällt, die Gießkannen bersten im Frost.
- Mehr Symbol geht nicht. Das Sterben ist allgegenwärtig im Buch. Am Schicksal Einzelner zeigt Lukas Rietzschel die Brüche und Umbrüche der Gesellschaft.
- Wenige setzen noch auf Gemeinschaft wie die Großmutter, die einer verunglückten Nachbarin hilft und andere mit einspannt, denn "das gehört sich so".
- Die Großmutter wurde erst aus Schlesien vertrieben und dann von der Kohle. Zwei Bungalows an einer namenlosen Sackgasse geben der Familie ein neues Zuhause.
- Rietzschel begleitet die Hauptfiguren von den Siebziger- und Achtzigerjahren bis 2022. Er kann kleine, private Szenen so erzählen, dass sie das Große und Ganze spiegeln:
- Die wirtschaftliche Agonie der DDR, die Bedeutung der Kirche für den Sturz des Systems, Euphorie und Verwerfungen der Nachwendezeit, die Einschnitte der Corona-Epidemie.
- Die Figuren wechseln von Kapitel zu Kapitel wie im klassischen Reigen. Einige schiebt der Autor in den Vordergrund, andere geraten aus dem Blick.
- Die Beziehungen zwischen ihnen erschließen sich oft überraschend. Mit der Großmutter wohnt ihr Sohn Dirk im Haus, ein antriebsloser, verhuschter Technikfreak.
- Nebenan wohnt die Tochter Marion mit Ehemann Roland und den Zwillingen Tom und Maria. Die Familie zerfällt bald wie fast jede andere in diesem Buch.
- Der Autor porträtiert eine gruselige Reihe gescheiterter, vereinsamter, verwahrloster, mürrischer Männer.
- Dem Mädchen Maria gibt Lukas Rietzschel etwas von seiner eigenen Erfahrung mit. So wie er für die Kamenzer Lokalausgabe der SZ über Jugendclub und Weihnachtsmarkt schrieb, so arbeitet Maria für die "Sanditzer Zeitung".
- Wie er geht sie zum Studium nach Kassel, fühlt sich sofort als "nicht zugehörig" erkannt, kehrt wie er in die Lausitz zurück.
- Im Nachhinein findet sie es naiv, zu glauben, man müsse sich nur engagieren, und das Land würde sich zum Besseren verändern. Auch diese Enttäuschung dürften beide gemeinsam haben.
- Ebenso das Gespür für die Verunsicherung vieler Erwachsener nach dem Ende der DDR.
- Die meisten, die das Land verließen, kommen bloß noch zu Weihnachten heim.
- Wie die "Heimis" in der letzten verbliebenen Kneipe des Ortes einmal im Jahr ihr schwermütig-schönes Wiedersehen feiern – diese Atmosphäre macht Lukas Rietzschel mit wenigen Worten anschaulich, spürbar, riechbar, begreifbar.
- Der Autor lebt in Görlitz. Mitunter fühlt er sich als "einer dieser Ost-Erklärbären am Nasenring durch die Arena gezogen".
- So schrieb er kürzlich in einem Artikel der "Zeit".
- Die junge Journalistin Maria findet dort keine offene Tür. Ihr Text über den gestürzten Bismarck interessiert nicht: "AfD oder Wölfe, alles andere ist schwierig."
- Die Bank am Denkmal spendierte der Horst-Lichter-Fanclub.
- Bares für Rares, wie passend. Besser als eine Horst-Wessel-Bank.
- Lukas Rietzschel hat einen Sinn für Satire. In einem Kabinettstück führt er einen sauerländischen Manager im Herbst ´89 vor.
- Er hatte den Eindruck, dass mit dem Öffnen der Grenze ein Urvolk entdeckt worden war.
- Dass sie im Osten nicht Huhn gegen Esel tauschten, sondern Geld hatten und sogar eine Sparkasse, begeistert ihn.
- Er zieht nach Sanditz, in eine Wohnung mit Ofenheizung, wird Sparkassenchef. Die Belegschaft: nur Frauen. "Das wäre im Sauerland nicht passiert."
- Obwohl er eine neue Bank bauen lässt und fast so groß daneben sein Haus, "sein Königreich", lässt sich seine Frau scheiden.
- Ein Einsamer mehr. Wenn es stimmt, dass die Qualität von Nebenfiguren über die Qualität eines Romans entscheidet, dann überzeugt "Sanditz" auch in dieser Hinsicht.
- Das gilt für den Manager wie für andere. Da ist ein langhaariger Außenseiter, in den sich Roland verliebt.
- Da ist eine widerspenstige junge Frau, die den Kontakt zum Vater abbricht, weil er zur AfD geht.
- Da ist ein altes Geschwisterpaar, das in der DDR die Texte von Biermann, Havemann und anderen abtippt und eine geheime Bibliothek einrichtet im Zimmer der Pastorin. Eine großartige Kirchenfrau.
- Sie gibt im Gottesdienst Tipps, wie junge Männer dem Armeedienst entgehen können und Bausoldat werden, für einen Schüchterling wie Dirk schlimm genug.
- Die stärkste und tragischste Figur des Romans ist Marias Bruder Tom.
- Nach verschiedenen Jobs lebt er mit fast vierzig in einer heruntergekommenen Wohngemeinschaft, arbeitslos und verschuldet, von der Freundin verlassen.
- Nicht mal Weihnachten darf er mit der Familie feiern, weil er die Corona-Regeln ablehnt. Was er will? "Eine Aufgabe im Leben haben und, vielleicht sogar das, einen Sinn."
- Fatalerweise sucht Tom diesen Sinn im Krieg. Unter dem Vorwand, eine Hilfslieferung zu begleiten, fährt er nach Kiew.
- Heuert in einer internationalen Gruppe von Freiwilligen an. Stürzt sich in den Häuserkampf ukrainischer Soldaten.
- Diese Kapitel sind in einer knappen, dichten Sprache geschrieben. Lukas Rietzschel schildert Angst und Verzweiflung im Schützengraben, als sei er dabei gewesen.
- Auch das Miteinander der Männer. Einmal liegen sie in einer stickigen Turnhalle ungewaschen in voller Montur.
- Jede Nacht werden sie mehrmals geweckt vom Alarm. Es fehlt an allem: an Soldaten, Verpflegung, Wäsche, Waffen und Munition.
- Plötzlich ein Donnern. Tom rennt und rennt, er schießt, er tötet.
- Die Drohnen sieht er zu spät. Er wird in einer Sekunde zerfetzt.
- Die Drohnen am Himmel vergleicht der Autor mit den schwarzen Vögeln der Krabat-Sage.
- Dort werden junge Männer in Raben verwandelt, in der Mühle gefangen, ausgenutzt, auf Gehorsam getrimmt.
- In jeder Silvesternacht muss einer von ihnen sterben.
- Rietzschels Roman ist auch ein großes Anti-Kriegs-Buch. Was für ein literarisches Ereignis!
- Die Lausitz
- Lukas Rietzschel
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