Siemens kommt auf den Hund: Robodogs für die Prozessindustrie
Gemeinsam mit den Partnern ANYbotics (Hersteller des Roboters im Bild) und Roboverse Reply will Siemens Roboterhunde in die IT-Prozessketten einbinden.
Siemens/ANYbotics
In den riesigen Anlagen der Prozessindustrie, die sich oft über mehrere Quadratkilometer erstrecken, bahnt sich eine lautlose Revolution an. Autonome Mobile Roboter (AMR) sollen in Form von Roboterhunden Aufgaben in der Instandhaltung übernehmen. Sie sind eine strategische Antwort auf den Fachkräftemangel und den Druck zur digitalen Transformation.
Die Idee, Robo-Hunde für Inspektionen einzusetzen, ist nicht neu. So setzt etwa Mercedes-Benz in seinem Düsseldorfer Transporter-Werk den Roboterhund Aris ein, um Druckluftleckagen zu erkennen. Und BMW ließ 2024 im britischen Motorenwerk Hams Hall den Robo-Dog SpOTTO von der Leine. Er soll zum einen die Anlagen überwachen und so für einen reibungslosen Produktionsablauf sorgen. Zum anderen hat er die Aufgabe, das Werk zu scannen, um für dessen digitalen Zwilling Daten zu sammeln. Die Deutsche Bahn wiederum setzt im Instandhaltungswerk Mainz-Bischofsheim einen Roboterhund für die Wagenortung und Radsatzwelleninspektion ein.
Robodogs in der IT-Prozesskette
Für IT-Entscheider ist deshalb nicht der Robo-Hund selbst die entscheidende Nachricht, sondern die dahinterliegende Prozesskette. So agierten Robotik-Lösungen lange Zeit als isolierte Insellösungen – sogenannte „Robotik-Silos“. Diese Strukturen will Siemens nun gemeinsam mit den Partnern ANYbotics und Roboverse Reply aufbrechen.
Das Züricher Unternehmen ANYbotics liefert dabei den Robodog ANYmal. Roboverse Reply steuert das Bindeglied zwischen Robotik und IT bei. Von Siemens selbst stammt das Tool COMOS Mobile Worker zur Konsolidierung der Daten aus ERP-, Engineering- und Instandhaltungssystemen.
Robo-Daten konsolidieren
Der Schlüssel dieser Partnerschaft liegt in der Integration: Aus getrennten Daten wird eine geschlossene Prozesskette. Die Plattform von Roboverse Reply orchestriert dabei die Robotik und filtert die Rückmeldungen so, dass nur geschäftskritische Informationen weitergegeben werden. Diese werden dann im COMOS Mobile Worker mit anderen Daten konsolidiert. Für IT-Entscheider bedeutet dies, dass der Roboter zu einem weiteren Endpunkt im Netzwerk wird, dessen Telemetrie direkt in verwertbare Workflows einfließt.
Aber auch die Technik des vierbeinigen ANYmal ist nicht von schlechten Eltern. Ausgestattet mit LiDAR-gestützter 3D-Erfassung erstellt der Bot hochauflösende Modelle seiner Umgebung und navigiert autonom durch mehrstöckige Anlagen – selbst bei völliger Dunkelheit.
Die Technik von ANYmal
Seine Sinne übertreffen dabei die menschlichen bei Weitem:
Akustische Sensoren erfassen Frequenzen bis zu 15.000 Hz, was das Aufspüren von Gaslecks ermöglicht, die für Menschen unhörbar sind. Da bis zu 30 Prozent der Gase im industriellen Umfeld durch Leckagen verloren gehen können, leistet die IT hier einen direkten Beitrag zur Nachhaltigkeit und Kostensenkung.
Infrarotkameras überwachen permanent die Temperaturen von Pumpen und Motoren, um Anomalien zu erkennen, bevor ein Ausfall entsteht.
Deep-Learning-Algorithmen sorgen dafür, dass die Roboter mit jeder Mission zuverlässiger in der Objekterkennung und Klassifizierung werden.
Für die IT ist die Hardware allerdings nur die halbe Miete. Für sie entsteht mit Robotics Operations (Robot Ops) eine neue Disziplin beziehungsweise Aufgabe: Mit Software-Layern, heterogene Roboterflotten in den bestehenden OT/IT-Stack integrieren.
Robot Ops – die neue IT-Challenge
Wohin die Reise in Sachen Robot Ops gehen könnte, zeigen erste strategische Partnerschaften. So arbeiten Yokogawa und ANYbotics zusammen, um mit der Integration des OpreX Robot Management Core das zentrale Management ganzer Flotten zu ermöglichen. Boston Dynamics treibt in Kooperation mit dem KI-Spezialisten IFS die Vision einer agentischen KI voran. Hierbei sollen Sensordaten direkt in Analysemodelle fließen, die selbstständig Aktionen priorisieren und Maßnahmen in Enterprise-Systemen initiieren. Damit verschiebt sich die Kernaufgabe der IT hin zur Sicherstellung von Datenqualität, Semantik und Governance.
Ein kritischer Faktor für die Industrie ist der Einsatz der Roboter in Gefahrenzonen. So ist beispielsweise der ANYmal X speziell für ATEX– und IECEx-Zone 1 zertifiziert und kann somit in explosionsgefährdeten Bereichen operieren, die für Menschen lebensgefährlich wären. Für IT-Entscheider ergeben sich daraus jedoch neue Anforderungen an die Cybersecurity und die Architektur. Die Wahl des Orchestrierungslayers (sei es COMOS, OpreX oder IFS) dürfte künftig darüber bestimmen, wie schnell neue Use Cases skaliert werden können und wie stark die Abhängigkeit von einzelnen Hardwareherstellern (OEMs) ausfällt.
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